Archidiakonat Nisan
Das Archidiakonat Nisan war ein Hauptteil des Bistums Meißens. Schon bei der Gründung in der Mitte des 13. Jahrhunderts durch den Meißner Markgrafen Heinrich dem Erlauchten war Dresden (ehemals Nisan) die markgräfliche Residenz. Es gab damals insgesamt neun Archidiakonate im Bistum. Demzufolge hatte das Bistum auch die kirchliche Jurisdiktion über das Archidiakonat Nisan. Dem Bistum stand auch der Zehnt vom Gau Nisan zu. Sogar die Archidiakone von Nisan residierten von Meißen aus und waren zumeist gleichzeitig Domherren in Meißen (seit der Regierung von Albrecht der Beherzte ab 1464 wurde diese Dignität nur noch an Domherren verliehen). Das Hochstift Meißen besaß im Daleminzien benachbarten Nisan damals das Eigentums- und Nutzungsrecht nicht nur über Einzelgehöfte (Hufen), sondern auch über ganze Dörfer und sogar Distrikte. Die bischöflichen Besitzungen und Untertanen waren in der Regel frei von markgräflichen Steuern. Vor allem waren alle dem Bistum gehörenden Dörfern von den markgräflichen Baudiensten und Wachdiensten befreit.
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[Bearbeiten] Geschichte
[Bearbeiten] Vorgeschichte
Im Jahr 971 übergab Kaiser Otto I. dem Meißner Bischof Volkold den Zehnten des Gaues Nisan und von vier weiteren Gauen (hier Provinzen genannt). Volkold war zuvor der Lehrer seines Sohnes König Otto II.:
- Otto schenkt der Kirche von Meissen unter Bischof Folchold mit Wissen und Zustimmung seines Sohnes des (Mit)Kaisers auf dessen und auf seiner Gemalin Adelheid Fürbitte den Zehnten alles Tributes von Honig, Pelz, Silber[1], Sklaven, Schweinen, Getreide und von der „uberchoufunga“[2] aus den Provinzen Dalaminza, Nisane, Diedesa, Milzsane und Lusiza, mit der Bestimmung, dass diese Quote vor der Teilung zwischen dem Fiskus und dem Grafen an den Bischof abzuführen sei.[3]
[Bearbeiten] Gründung Mitte des 13. Jahrhundert
Eine genaue Jahreszahl der Gründung ist nicht überliefert. Die Gründung erfolgte zu Beginn des Spätmittelalters unter der Regierung von Heinrich dem Erlauchten. Das Bistum Meißen wurde in neun Archidiakonate aufgeteilt.
Das Archidiakonat Nisan ist anfangs möglicherweise von einem Meißner Domherren mit verwaltet worden, der den Titel archidiaconus noch nicht explizit führte. Erst bei der wichtigen Teilung der sehr alten Obödienz Briesnitz findet ein Archidiaconus Nisaniae Erwähnung, der dabei als obedientiarius derselben eingesetzt wurde.[4]
Erster überlieferter Archidiakonus von Nisan war der Magister Arnold, der als Domherr von Meißen auch cantor ecclesiae Misnensis'' (der Kantor der Meißner Domkirche) war.[5]
Magister Arnold wurde schon in einer Urkunde vom 7. Mai 1262 als Meißner Domherr erwähnt, dort noch ohne den Zusatz archidiaconus.
Möglicherweise hat Heinrich der Erlauchte das Archidiakonat Nisan erst ab 1265 ins Leben gerufen, als er seine umfangreichen Besitzungen unter seine Söhne aufteilte und sich auf die Markgrafschaft Meißen und Dresden konzentrierte.
Da Magister Arnold schon 1273 verstarb, könnte er demzufolge auch der erste Archidiaconus Nisaniae gewesen sein.
[Bearbeiten] Erste urkundliche Erwähnung 1273
1273 übertrug Bischof Withego I. das Amt des Archidiakonus von Nisan und die Pfründe der Kirche Briesnitz dem ehemaligen Scholastikus (Domlehrer) Conradus. Die Cantorei erhielt Heidenreich von Derwin.[6]
[Bearbeiten] Archidiakone
Die Archidiakone von Nisan residierten von Meißen aus und waren zumeist gleichzeitig Domherren in Meißen (seit der Regierung von Albrecht dem Beherzten ab 1464 wurde diese Dignität nur noch an Domherren verliehen).
Die Archidiakone hatten:
- in ihrem Archidiakonat den Bischof zu vertreten
- die Aufsicht über die Geistlichkeit
- die Kirchen und kirchlichen Stiftungen und Güter zu führen und
- die bischöfliche Gerichtsbarkeit auszuüben.
Den Archidiakonen stand das Recht zu:
- ihre Archidiakonate zu visitieren
- die Sendgerichte abzuhalten
- gegen ihre Geistlichkeit die Strafgerichtsbarkeit auszuüben
- die Zivilgerichtsbarkeit zu verwalten
- Leute vorzuladen
- Bußen aufzuerlegen
- Verbrechen zu bestrafen, besonders die in Kirchen begangenen Gewaltdelikte
- mit Kirchenbann und Interdikt zu belegen.
"Später wurde den Archidiakonen, da sie das Volk bedrückten, durch öfter gehaltene Gerichtstage und Schmausereien die Pfarren beschwerten und sich Eingriffe in die bischöfliche Jurisdiktion erlaubten, von den Bischöfen Offiziale und Commissare an die Seite gesetzt, welche letzteren fast alle Archidiakonal-Verrichtungen zu besorgen hatten und die vorkommenden Streitigkeiten und Rechtshändel allein oder unter Zuziehung der Archidiakone entschieden".[7]
Über diese allgemeinen Rechte und Pflichten hinaus hatte der Archidiakon von Nisan außerdem noch die Collatur (das Recht, eine geistliche Stelle zu besetzen sowie eine Pfründe oder ein Stipendium zu vergeben):
- der Vicaria omnium Sanctorum secunda im Domstift Meißen
- der Pfarre zu Briesnitz
- der Pfarre zu Kaditz
- der Pfarre zu Kötzschenbroda
- der Capella Mariae Magdalenae zu Meißen und
- der Vicaria Sanctae Annae zu Meißen.
Diese teilweise wichtigen Collaturen unterstreichen die Bedeutung des Archidiakons von Nisan im Bistum Meißen. Aber obwohl er zu den vornehmsten Dignitäten im Bistum gehörte, waren seine Einkünfte verhältnismäßig gering. Er erhielt nur 40 Sibergroschen von Bauern aus Briesnitz, gut 2.400 Liter Getreide sowie den Ertrag eines Weinberges in Kötzschenbroda.
Als Obedientiarius der Obödienz Briesnitz standen ihm aber noch weitere Einkünfte zur Verfügung, darunter auch der Ertrag eines Weinbergleins in Zitzschewig (dem Wüstenberg). Von diesen Einkünften mußte er allerdings der Domkirche in Meißen 1 Schock (= 5 Dutzend) und 51 Silbergroschen (= zusammen 111 Silbergroschen) und später 12 Feine Mark in Silber jährlich weiterreichen. Das waren mehr als ein Viertel seiner 395 Groschen, die er aus Briesnitz erhielt. Dazu kamen für ihn allerdings noch große Mengen an Korn, Hafer, Weizen, Gerste und Erbsen - insgesamt 22 Malter. Das entsprach im Spätmittelalter etwa 3.600 Liter Korn allein von Briesnitz. Dem Archidiakon verblieben insgesamt 324 Silbergroschen und rund 6.000 Liter Getreide im Jahr - also täglich fast ein Silbergroschen und über 16 Liter Getreide, dazu kam noch der Wein von zwei Weinbergen.
[Bearbeiten] Grenzen des Archidiakonats Nisan
Die Grenze des Archidiakonats Nisan verlief wie folgt:[8]
[Bearbeiten] Westgrenze
- vom Erzgebirgskamm die Wilde Weißeritz entlang
- einschließlich Schönfeld (ersterwähnt 1336)
- ausschließlich Frauenstein
- einschließlich Hennersdorf (ersterwähnt 1332)
- einschließlich Reichstädt (ersterwähnt 1319)
- einschließlich Ruppendorf (ersterwähnt 1350)
- einschließlich Höckendorf (ersterwähnt 1235)
- bis Tharandt, wo sich die Grenze von der Weißeritz löst und weiter strikt nach Norden verläuft
- einschließlich Kesselsdorf (ersterwähnt am 9. Februar 1223)
- nach Wilsdruff, wo die Wilde Sau nach Westen läuft
- einschließlich Weistropp
- einschließlich Gauernitz
- die Elbe zwischen Gauernitz und Kötitz (ersterwähnt 1203) ein Stück westwärts
- ausschließlich Brockwitz
- einschließlich Coswig
Im Unterschied zum Codex diplomaticus Saxoniae regiae wird hier das wichtige Frauenstein mit Burg Frauenstein ausgeschlossen. Um 1500 besaß Dye Stadt Frawenstein eine Pfarrkirche im Archidiakonat Dompropstei (sedes Freiberg).
Der Ausschluss von Brockwitz hingegen ist hier wie auch beim CDSR zu finden, die Zugehörigkeit dieses Ortes zu Nisan war nur temporär. Brockwitz war nach den altsorbischen Quellen Teil von Glomaci (Daleminzien), fiel aber durch den Charakter Meißens als Grenzburg nach 965 zu Nisan. Der Ort war offenbar auch nie Teil des Archidiakonats Nisan, gehörte 1351 zum Districtus Großenhain und wurde ab 1547 wieder direkt vom Kreisamt Meißen verwaltet. Kirchlich besaß Brockwitz um 1500 eine Pfarrkirche im Archidiakonat Dompropstei (sedes Wilsdruff).
[Bearbeiten] Nordgrenze
- nördlich von Coswig Richtung Westen unter Einschluss von Bärnsdorf (1309 ersterwähnt)
- einschließlich Medingen (1289 ersterwähnt)
- einschließlich Ottendorf (1346 ersterwähnt)
- einschließlich Seifersdorf (1335 ersterwähnt)
- ausschließlich Lomnitz (1313 ersterwähnt), von dort verläuft die Grenze wieder nach Süden
[Bearbeiten] Ostgrenze
- ausschließlich Wachau (1218 ersterwähnt)
- einschließlich Leppersdorf (1337 ersterwähnt)
- Leppersdorf besaß eine Filialkirche von Kleinröhrsdorf im Archidiakonat Nisan (sedes Radeberg).[13] "Sie haben ein Filial, das wird vom Pfarrer zu Kleinröhrsdorf mit Predigt und Sakrament versorgt. Was sie dem Pfarrer jährlich geben müssen, verzeichnet die Visitationsordnung und Registratur im Amt Radeberg."[14]
- einschließlich Kleinröhrsdorf (1350 ersterwähnt)
- ausschließlich Wallroda (1349/1350 ersterwähnt)
- einschließlich Arnsdorf (1349/1350 ersterwähnt)
- ausschließlich Wilschdorf (1351 ersterwähnt)
- einschließlich Dittersbach (1299 ersterwähnt)
- ausschließlich Stolpen (1222 ersterwähnt)
- einschließlich Porschendorf (1311 ersterwähnt)
- einschließlich Lohmen (1292 ersterwähnt)
- einschließlich Dorf Wehlen (1445 ersterwähnt)
- einschließlich Stadt Wehlen (1269 ersterwähnt)
- von Wehlen westwärts die Elbe entlang bis kurz vor Pirna
- von der Elbe zur Gottleuba in Höhe von Cotta
- einschließlich Cotta
- die Gottleuba flussaufwärts bis Höhe Bad Gottleuba
- ausschließlich Berggießhübel (1457 ersterwähnt)
- ausschließlich Bad Gottleuba (1363 ersterwähnt)
- Teile des Kirchturmes der wohl ursprünglich als Wehranlage genutzten Kirche sowie der im Stadtwappen verwendete Reichsadler weisen auf eine Gründung des Ortes vor 1294 hin. Damals wurde die Region um Gottleuba als Reichslehen von den Burggrafen von Dohna verwaltet. 1298 wurde Gottleuba offenbar zusammen mit Pirna an König Wenzel II. von Böhmen verkauft, da die verkauften Gebiete 1405 vom meißnischen Markgrafen Wilhelm den Einäugigen von Jan von Wartenberg auf Tetschen als Pfand zurückgenommen wurden - drei Jahre nach Wilhelms endgültigen Sieg gegen die Burggrafen von Dohna.
- einschließlich Breitenau
- einschließlich Liebenau
Wahrscheinlich irrt sich die Karte bei Wachau, Wallroda und Wilschdorf- alle drei Orte waren Pfarrorte im Archidiakonat Nisan.
[Bearbeiten] Südgrenze
- verlief auf dem Erzgebirgskamm östlich von Geising bis zur Quelle der Wilden Weißeritz
- einschließlich Geising (1375 ersterwähnt)
- einschließlich Altenberg (1446 ersterwähnt)
[Bearbeiten] Literatur
- K. A. Espe: "Zur Geschichte des stiftmeisznischen Archidiakonats in Nisan". In: "Bericht vom Jahre 1836 an die Mitglieder der deutschen Gesellschaft zur Erforschung vaterländischer Sprache und Alterthümer in Leipzig".
- Moritz Welte: "Gau und Archidiakonat Nisan in der Markgrafschaft Meissen". Wold. Türk's Verlag (A. Urban), Dresden 1876.
[Bearbeiten] Anmerkungen
- ↑ Solutione argenti, eigentlich der Zehnte aus den Gewinnen des Geldwechsels.
- ↑ Vgl. Waitz VG. 8, 368
- ↑ RI II,1 n. 531, in: Regesta Imperii Online, URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0971-00-00_2_0_2_1_1_911_531 (Abgerufen am 31. Oktober 2018).
- ↑ Moritz Welte: "Gau und Archidiakonat Nisan in der Markgrafschaft Meissen". Wold. Türk's Verlag (A. Urban), Dresden 1876, S. 51.
- ↑ Moritz Welte: "Gau und Archidiakonat Nisan in der Markgrafschaft Meissen". Wold. Türk's Verlag (A. Urban), Dresden 1876, S. 3f.
- ↑ Moritz Welte: "Gau und Archidiakonat Nisan in der Markgrafschaft Meissen". Wold. Türk's Verlag (A. Urban), Dresden 1876, S. 4.
- ↑ Moritz Welte: "Gau und Archidiakonat Nisan in der Markgrafschaft Meissen". Wold. Türk's Verlag (A. Urban), Dresden 1876, S. 4f.
- ↑ Nach Manfred Kobuch: Karte 6 = Herrschaft und Christianisierung im Dresdner Elbtalraum in: Geschichte der Stadt Dresden. Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges. Hrsg. v. Karlheinz Blaschke. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1906-0.
- ↑ Frauenstein im HOV.
- ↑ TStR IV 203.
- ↑ Brockwitz im HOV.
- ↑ Wachau im HOV.
- ↑ HOV.
- ↑ Leppersdorf nö. Radeberg im Repertorium Saxonicum.
- ↑ Kleinröhrsdorf im HOV.
- ↑ Kleinröhrsdorf im Repertorium Saxonicum.
- ↑ Wallroda im HOV.
- ↑ Wallroda im Repertorium Saxonicum.
- ↑ Wilschdorf im HOV:
- ↑ Stolpen im HOV.
- ↑ CDS II 3, 1185 S. 233.
- ↑ Berggießhübel, Kurort (ehemalige Stadt) im HOV.