Irene Brann

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Jenny Marianne Irene Brann, teilweise auch Irene Brann, geboren als Jenny Marianne Irene Jacoby (* 13. Februar 1912 in Dresden; † 2014 in Soglio/ Schweiz) war eine deutsche Fotografin und Künstlerin. Als sogenannte Halbjüdin ging sie 1939 ins Exil nach Südamerika. Im Alter von 100 Jahren zeigte sie zum ersten Mal ihre Ausstellung Kunst als Lebenselexier in ihrer Geburtsstadt Dresden.[1]

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Familie

Irene Jacoby entstammte der ursprünglich jüdischen Familie Jacoby. Ihre Großeltern väterlicherseits waren der königlich-sächsische Hofjuwelier Julius Jacoby (18451925) und dessen Ehefrau Jenny geb. Löwald (18561942). Ihre Tante war die Ärztin Alexandrine Kastner (18771942), deren Ehemann der Dresdner Stadtschularzt und Stadtobermedizinalrat Otto Kastner (18801938).

Irene Jacoby war die einzige Tochter des königlich-sächsischen Hofjuweliers Fritz Jacoby (* 27. Dezember 1883 in Dresden; † 1948 im Hospital in Sucre, Bolivien), der das Juweliergeschäft Moritz Elimeyer von seinem Vater übernahm, und dessen Ehefrau Emma Pauline Ottilie geb. Nöther (* 25. Oktober 1888 in Dresden; † 27. Juli 1913 ebenda), älteste Tochter des Dresdner Malers und Kopisten Adolf Emil Nöther (18551943) und dessen Ehefrau Marianne geb. Deil (18651951). Jacobys Vater war jüdisch, ihre Mutter stammte aus einer protestantischen Familie. Mit ihrer Geburt hatte sich ihr Vater christlich taufen lassen.

Irene Jacoby heiratete am 8. März 1939 in Potosi/ Bolivien den Elektroingenieur Fritz Brann (* 1901 in Breslau ; † 13. Juli 1986 in Soglio/ Schweiz), Sohn des Emil Brann (18661922) und dessen Ehefrau Nelly geb. Goldenring (18801947). Ein entfernter Verwandter der ursprünglich aus Rawitsch in Posen stammenden und weit verzweigten Familie Brann war der jüdische Geschichtsforscher und Rabbiner Markus Brann (18491920).[2] Fritz Brann wohnte seit 1932 bis 1938 als Diplomingenieur, Patentanwalt und Inhaber eines Patentbüros in Dresden in der Viktoriastraße 15.[3][4] Noch 1937 hatte Fritz Brann einen selbst entwickelten Stromunterbrecher als Patent angemeldet.[5] Als Brann Fotos für seine im Frühjahr 1938 erfolgte Ausreise nach Bolivien benötigte, lernte sich das spätere Paar im Fotostudio in Dresden kennen. Irene Branns späterer Ehemann war anfangs für die elektrischen Anlagen im Silber- und Zinnbergwerk im bolivianischen Potosi verantwortlich, später arbeitete er als Projektleiter bei der elektrolytischen Kupfergewinnung in Chile und Peru. Das Paar blieb kinderlos.

[Bearbeiten] Leben und Wirken

Irene Brann verlor früh ihre Mutter im Alter von knapp anderthalb Jahren. Als ihr Vater als Soldat in den Ersten Weltkrieg 1914 eingezogen wurde, wuchs sie bis 1918 bei ihren Großeltern mütterlicherseits, der Familie Nöther auf. Im Alter von sechs Jahren kam sie auf eine Dresdner Privatschule, wo sie auch Klavierunterricht erhielt. Nach der zweiten Hochzeit ihres Vaters erlebte sie eine schlimme Kindheit bei ihrer Stiefmutter. Als im November 1923 der nationalsozialistische Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle begann und Irene Brann erstmals von Nachbarn belästigt und angepöbelt wurde, schickte ihre Familie sie auf eine Privatschule für hohere Töchter nach Kent in England. Die dort gelernte englische Sprache half ihr bei ihrer späteren Emigration. Nach der Rückkehr nach der Deutschland schickte ihr Vater sie für eine Zeit nach Hamburg zu seiner Schwester Erika Münster.

Zurück in Dresden legte sie aufgrund der Überzeugungsarbeit von Susi Scheven, einer Tante mütterlicherseits, das Abitur ab. Da inzwischen die Nationalsozialisten die Regierung in Deutschland übernommen hatten, entsprachen die Zensuren im Reifezeugnis nicht Branns tatsächlichen Leistungen, wofür sich der Schuldirektor persönlich bei ihr entschuldigte. Ein eigentlich beabsichtigtes Architekturstudium wollte sie im nationalsozialistischen Deutschland nicht aufnehmen, daher absolvierte sie eine Lehre als Fotografin in einem Dresdner Fotostudio bei einem aus Tschechien stammenden Fotografen.

Das deutsche Schiff "Roda" der Hapag, mit dem Brann 1939 ins Exil ging

Hatte Brann, anders als die anderen Mitglieder der Familie Jacoby, schon längst den Entschluss gefasst, aus Deutschland zu fliehen, erlebte sie noch 1938 den Brand der Dresdner Semper-Synagoge, die Judenverfolgungen und die Verhaftung ihres Vaters, der für einige Wochen ins KZ Buchenwald kam. Aufgrund der Sonderregelung als Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs mit dem Eisernen Kreuz wieder aus der Haft entlassen, verabschiedete sie ihr Vater 1939 für eine Überfahrt mit dem deutschen Handelsschiff Roda nach Südamerika, wo sie im chilenischen Arica von Bord ging. Fritz Brann hatte für sie das nötige Einreisevisum erwirkt.

Noch in Chile traf Brann Moritz Hochschild, den Inhaber von Hochschild Mining, Mitinhaber von International Tin Reduction Scheme und Chef ihres zukünftigen Mannes, dem viele jüdische Emigranten das Leben verdankten.[6] Mit ihm verband Brann eine lebenslange Freundschaft. Angekommen im bolivianischen Potosi, arbeitete sie anfangs als Lehrerin für die Kinder der meist amerikanischen Eigentümer des Bergwerksunternehmens. Allerdings erkrankte sie noch im gleichen Jahr schwer an Angina. Wieder genesen, richtete sie sich ein Fotolabor ein und arbeitete wieder als Fotografin, vor allem als Porträtfotografin. Sie dokumentierte aber auch Versicherungsschäden des Bergwerks und wurde von Unternehmern zu Natur-, Gebäude- und Kirchenaufnahmen verpflichtet, da sie zu dieser Zeit die einzige Fotografin dieser Gegend war. Mit dem vorletzten Schiff vor dem im September 1939 ausgebrochenen Zweiten Weltkrieg gelang es Brann noch, ihren Vater Fritz aus Deutschland heraus zu holen.

Die Luftangriffe auf Dresden an ihrem 33. Geburtstag erlebte Brann noch in Petosi, bevor sie 1946 aufgrund der Versetzung ihres Mannes zur dortigen Pulacayo-Silbermine nach Pulacayo zog, wo sie die nationale revolutionäre Bewegung der Minenarbeiter gegen die amerikanischen Konzerne und letztlich die Verstaatlichung der bolivianischen Minen miterlebte. Vom Arbeitgeber ihres Mannes wurden Fritz und Irene Brann daraufhin in die peruanische Hauptstadt Lima versetzt. Dort begann Brann 1953 ihr Studium der Bildenden Kunst an der Academia de arte católico. Der Vatikan war Auftraggeber und Gründer der Kunsthochschule. Leiter der Schule war der Künstler, Pädagoge und Psychologe Adolf Wintertitz, der sie maßgeblich prägte und mit dem sie auch freundschaftlich verbunden war. Nach drei Jahren Studium erhielt Brann ihr Diplom an der Kunstakademie. Nach Branns Studium erfolgte zusammen mit ihrem Mann der Bau des eigenen Hauses mit einem eigenen Kunststudio für Branns Malerei in Cieneguilla auf einem 6000 Quadratmeter großem Grundstück. Bereits Mitte der 1960er Jahre, nach einem Hinweis von ihrer Tante Susi Scheven, dass in Soglio in der Schweiz ein Grundstück zum Verkauf stünde, als diese dort weilte, kaufte ihr Mann vorsorglich dieses Stück Bauland im schweizerischen Kanton Graubünden.

Als sich das Ehepaar Ende der 1960er Jahre Gedanken für ihren Lebensabend machte, Branns Ehemann eigentlich wieder nach Deutschland wollte, Irene aber das strikt aufgrund der Verbrechen des Nationalsozialismus ausschloss, beantragte das Paar die Ausreise in die deutschsprachige Schweiz, erhielten jedoch ein Einreisevisum nach Lugano im Kanton Tessin. Bereits vorher hatte Branns Ehemann eine Eigentumswohnung an der Südseite des Monte Bré mit einer großen Terrasse und einem Blick auf Lugano sowie dem dortigen See gekauft. Direkt gegenüber der Wohnung richtete sie aus einer Autogarage wieder ein Kunststudio ein, wo sie malen konnte. In den 1970er Jahren wurde ihre Wohnung bei einem Einbruch total verwüstet. Dabei verlor sie die letzten Erinnerungsstücke an ihre Großmutter Jenny geb. Löwald. Brann fand es bemerkenswert, dass in über 30 Jahren in Südamerika niemals in ihre Wohnung oder ihr Haus eingebrochen wurde, nun allerdings in der Schweiz.

Soglio – Branns Alterssitz im schweizerischen Kanton Graubünden

1979 erfolgte der Verkauf des Grundstücks und der Hazienda in Cieneguilla an einen deutschen Nachbarn und Freund, wozu Brann ein letztes Mal für vier Wochen nach Lima flog und die Reise auch mit Besuch bei weiteren Freunden verband. Noch heute ist ihr ehemaliges Anwesen in Peru vorhanden. Nachdem die Baugenehmigung für das bereits in den 1960er Jahren gekaufte Grundstück im schweizerischen Soglio vorlag, ließ Brann zusammen mit einem Architekten ihren Alterssitz in Soglio bauen. Im Frühjahr 1982 erfolgte der Einzug. Dort konnte sie sich bis 2002, im hohen Alter von 90 Jahren der Malerei widmen. Ein Augenleiden war die Ursache, dass sie dies in ihren letzten zwölf Jahren nicht mehr ausüben konnte. 1985 weilte Brann als Touristin erstmals seit 1939 wieder in Dresden.

1991 musste Brann überlegen, einen Prozess zur Rückübertragung des Grundstücks der ehemaligen Villa Jacoby im Dresdner Stadtteil Blasewitz zu beginnen. Aus Verantwortung gegenüber den anderen Nachfahren der Familie Jacoby, entschloss sie sich knapp 80-jährig zu dieser mühevollen Angelegenheit. Die Rückübertragung war nur möglich, weil Brann als Sammlerin alle Fotos und Papiere aus Familienbesitz aufbewahrt hatte und diese sich mit den Dokumenten aus dem Dresdner Stadtarchiv deckten. Zwar wurde Blasewitz am 13. Februar größtenteils verschont, jedoch erhielt die prächtige Villa Jacoby in der Lothringer Straße 2 mit ihren 29 Zimmern, die von der damaligen Gauleitung Dresden ab 1942 in ein sogenanntes Judenhaus umgewandelt wurde, einen Volltreffer. Das Grundstück in bester Lage am dortigen Stadtpark wurde in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre nach der Rückübertragung und dem anschließenden Verkauf neu bebaut. 90 Prozent des erzielten Erlöses des Grundstücksverkaufs, den sie und drei Miterben beanspruchten, verschenkte Brann wieder. Auch den restlichen Anteil legte sie in zukünftige Schenkungen an.

Obwohl die Malerei die Inspiration für Brann war, wurden ihre Werke in einer Ausstellung erst 2010 in einer Schweizer Galerie veröffentlicht. Im Alter von über 100 Jahren zeigte Brann vom 27. Januar bis 16. März 2012 im Kunstfoyer des Kulturrathauses in der Königstraße zum ersten Mal ihre Ausstellung Kunst als Lebenselexier in ihrer Geburtsstadt Dresden. Gezeigt wurden Bilder verschiedener Genres wie Blumen- und Landschaftsmalerei, Porträts sowie abstrakte Kunst. Brann, die selbst zu ihrer Ausstellung nicht nach Dresden kommen konnte, betonte damals, dass sie nie wieder das Bedürfnis hatte, dauerhaft nach Dresden zurückzukehren. Allerdings sei dies kein persönliches „Unversöhntsein", sondern vielmehr ein schreckliches Gefühl Deutschland gegenüber:
„Das ist keine Angst, sondern es ist einfach widerwärtig, unter Menschen zu sein, die damals diese Gräueltaten begangen haben. Das hat nichts mit Dresden zu tun, überhaupt nicht."
Irene Brann starb 2014 in Soglio. Ihre Urne befindet sich neben der Kirche auf dem Friedhof in Soglio.

[Bearbeiten] Veröffentlichungen (Auswahl)

[Bearbeiten] Quellen

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Kunst als Lebenselixier – Irene Brann zeigt ihre Bilder erstmals in ihrer Geburtsstadt Dresden, Pressemitteilung vom 20. Januar 2012 auf www.dresden.de
  2. Jim Bennett Family Tree auf MyHeritage
  3. Adressbuch Dresden 1933, S. 120, SLUB
  4. Adressbuch Dresden 1938, S. 201, SLUB
  5. Patent Nr. 180381, Deutschland vom 5. Januar 1937, veröffentlicht auch in: Official Gazette of the United States Patent Office, Digitalisat auf Google Books, S. 1118
  6. Georg Ismar und Oliver Hach: Der Oskar Schindler Boliviens, Freie Presse, E-Paper vom 13. Juli 2017

[Bearbeiten] Weblinks

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