Hermann Reichelt

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Hermann Reichelt war ein Dresdner Flugpionier.

Hermann Reichelt erblickte am 18. März 1878 als Handwerkersohn in Dresden das Licht der Welt. Er besuchte die Volksschule und später die Kreuzschule. Ursprünglich wollte er den Beruf des Lehrers ergreifen, aber sein unruhiger und phantasievoller Geist ließen ihn zum Kunstmaler und Fotografen werden. So verdiente er seinen Lebensunterhalt als freischaffender Künstler. Auf seiner Wanderschaft durch das Erzgebirge und Böhmen malte und fotografierte er vor allem Guts- und Bauernhöfe sowie Landschaften. Seine um drei Jahre jüngere Ehefrau Martha, geborene Steglich, entwickelte die Negative. Er selbst stellte die Vergrößerungen her.

Durch die Malerei stieß Reichelt auf die Flugstudien von Leonardo da Vinci und Arnold Böcklin. Das hatte zur Folge, dass er nun selbst anfing, Flugmodelle zu bauen. Mit einem selbstkonstruierten Flugmodell erschien er eines Tages auf dem Ausstellungsgelände der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA), die vom Juli bis Oktober 1909 erstmals in Frankfurt/Main stattfand. Doch dort konnte er sein Modell nicht „an den Mann“ bringen. Stattdessen zeigte ihm August Euler einen Haufen von Holz und Drähten, der einst ein französischer Voisin-Flugapparat war.

Unterstützt von Eulers Ratschlägen und zwei Helfern zimmerte Reichelt mit viel Engagement aus dem Trümmerhaufen einen Gleitflieger zusammen, mit dem er erste Flugversuche unternahm. Nun wollte es Reichelt wissen. Mit seinem Zweidecker-Gleitflieger stellte er sich der Konkurrenz und er konnte alle ersten und zweiten Preise für motorlose Flüge gewinnen.

Mit einem Anfangskapital von über 3.000 Mark für erfolgreiche Gleitflüge in der Tasche vertauschte Reichelt – wieder in Dresden angekommen – Pinsel und Palette für immer mit den Utensilien des Fliegerhandwerks. Auf dem Dresdner Heller setzte er seine Flugversuche fort und bereits am 14. November 1909 fand seine erste Flugveranstaltung in der Nähe der Dresdner Hellerschänke statt. Dort gelang ihm vor nur 46 zahlenden Zuschauern ein Rekordflug über 72 Meter in 16 Metern Höhe – der bislang weiteste Schwebeflug, der je in Europa gemessen wurde.

Anfang des Jahres 1910 errichtete Reichelt auf dem Hellergelände einen Fliegerschuppen und begann mit dem Bau von Motorflugzeugen. Mit Hilfe einer Schlosserei in der Freiberger Straße in Dresden wurde der erste Eindecker – eine einsitzige Bleriot-Kopie – gebaut. Den 16-PS-Motorrad-Motor, ein Zweizylinder-Schrittmacher, stellte für diesen Monoplan die Dresdner Automobilfirma Gruhl bereit. Dieser erwies sich jedoch als zu schwach, denn der Eindecker hob nicht vom Boden ab.

Gemeinsam mit Ernst Herbert Kühne gründete Hermann Reichelt die „Flugtechnischen Werke“ in Dresden. Der Eindecker wurde überarbeitet und mit einem 24-PS-Dreizylinder-Motor versehen. Aber auch diese Version erwies sich als fluguntauglich, so dass wieder umgebaut und ein 50-PS-Motor eingebaut werden musste. Bei den Flugversuchen blieb Reichelt auch das in Fliegerkreisen gefürchtete „Kleinholz“ nicht erspart. Schließlich wurden die Tragflächen vergrößert und eine Doppeldeckervariante gebaut. Bei den fast täglichen Flugversuchen legte er Flüge von ca. einem Kilometer Weite in zehn Metern Höhe bei durchschnittlich 120 Kilometern in der Stunde zurück.

Die Bedingungen, die Reichelt auf dem Hellergelände vorfand, waren für seine Flugversuche nicht optimal. Das unebene Gelände erwies sich beim Rollen, Starten und Landen als problematisch und nicht selten hemmten einige Bäume die Fortsetzung der Flüge. So beschloss er, seine Flugversuche ab 1911 auf dem Flugplatz Leipzig-Lindenthal fortzusetzen. Dort ging er zu Oswald Kahnt, der gerade seine Flugschule eröffnet hatte, um Offiziere auszubilden. Wohl etwas im Übereifer steuerte er dort den gerade montierten neuen Grade-Apparat in ein Schuppendach. Er kam nahezu unverletzt davon – das Flugzeug jedoch nicht. In Leipzig beschäftigte sich Reichelt auch mit der Konstruktion eines Eindeckers. Ausgestattet mit einem 50-PS-Motor und vielen Neuerungen gelangen ihm häufig Flüge von einer halben Stunde, aber nicht selten gab es wieder den gefürchteten Bruch.

Im September 1911 legte Reichelt den ersten Teil seiner Pilotenprüfung ab und Anfang 1912 siedelte er nach Berlin-Johannisthal über. Dort hatte Melli Beese auf dem „alten Startplatz“ einen Schuppen gemietet und die „Flugschule Melli Beese GmbH“ gegründet. Stille Teilhaber wurden Charles Boutard, der ein Jahr später die Ehe mit Melli Beese einging, und Hermann Reichelt. Boutard und Reichelt brachten jeweils einen selbstkonstruierten Eindecker in das Unternehmen ein und Beese kaufte eine gebrauchte Rumpler-Taube dazu. Alle drei führten Ausbildungsflüge durch, obwohl Reichelt noch keine Flugzeugführererlaubnis besaß.

Im April 1913 konnte er endlich den zweiten Teil seiner Pilotenprüfung ablegen und erhielt am 26. April die Flugzeugführererlaubnis Nr. 388. Auf dem „alten Startplatz“ mietete er einen eigenen Schuppen an und eröffnete unter der Bezeichnung „Aero-Flugzeugbau GmbH“ seinen Einmannbetrieb. Mit dem erneuten Bau einer Kopie des Grade-Eindeckers – diesmal als Zweisitzer-Version – führte er fortan die Ausbildung von Flugschülern durch.

Hermann Reichelt kaufte schließlich einen Eindecker von Harlan, mit dem er einige beachtliche Flüge unternahm. So beteiligte er sich an der Kieler Flugwoche, die vom 10. bis 15. Juli 1913 stattfand. Anschließend wollte er sich um die Rente der Nationalflugspende bewerben und zusammen mit seinem Neffen Kurt Hähnel startete er im Harlan-Eindecker in Kiel am 22. Juli 1913, früh um 4 Uhr. Ihr Weg führte sie über Berlin in die Nähe von Posen. Dabei legten sie 500 Kilometer zurück und Reichelt gewann als Erster die Rente der Nationalflugspende.

Am 7. September wurde ein weiterer Flug – diesmal nach Frankreich – gestartet. Wieder mit Hähnel an Bord des Harlan-Eindeckers verlief anfangs alles gut. Bei einer Zwischenlandung im französischen Pontault bei Varize wurden sie von der herbeigeeilten Gendarmerie vorläufig festgenommen. Am frühen Morgen des nächsten Tages konnten sie ihren Flug fortsetzen und in Villacoublay ihren Frankreich-Flug beenden. Für diesen 1.025 Kilometer langen Flug innerhalb von 24 Stunden holte sich Reichelt die Anwartschaft auf die Nationalflugspende zurück. Wie vom Rekordfieber ergriffen rüstete er zu einem neuen Flug, der ihn durch ganz Frankreich bis an die spanische Grenze nach San Sebastian bringen sollte. Am 14. Oktober 1913, kurz nach Mitternacht, startete Reichelt in Berlin-Johannisthal seinen Harlan-Eindecker - wieder mit Hähnel an Bord. Unweit der siegerländischen Ortschaft Morsbach setzte plötzlich der Motor aus und ein Absturz war unvermeidbar. Die Maschine setzte unsanft auf dem Dach eines Bauernhauses auf und die Besatzung landete in einem Misthaufen, der sich am Haus befand. Damit war der „Große Preis der Nationalflugspende“ für Reichelt ausgeträumt.

Im November 1913 – der Flugplatz und Luftschiffhafen Dresden war gerade eröffnet worden – ließ sich Reichelt, unterstützt von finanzkräftigen Dresdner Unternehmen, auf dem Kaditzer Flugfeld dicht neben der Luftschiffhalle einen 64 Meter langen Schuppen errichten. Außerdem gründete er die „Flugzeugbau- und Fliegerschule AERO GmbH“. Neben seinem Harlan-Eindecker und einem Fokker-Flugzeug brachte er auch seinen selbstkonstruierten Eindecker zur Ausbildung von Flugschülern in die Elbmetropole mit. Sowie das Wetter günstig war, entwickelte er auf dem Kaditzer Flugfeld einen lebhaften Schulbetrieb.

Bereits im Januar 1914 – bedingt durch den milden Winter – wurden an den Wochenenden kleine Schau- und Passagierflüge veranstaltet. Am Karfreitag des Jahres 1914 – es war der 10. April – fand auf dem Kaditzer Fluggelände erneut eine Vorführung statt. Wie tags zuvor erhob sich Reichelt mit seinem alten Harlan-Eindecker, um Kurvenflüge auszuführen. Diesmal war seine Schwägerin Selma Steglich Passagier. Nach dem Start erreichte die Maschine rasch 600 bis 700 Meter Höhe und der Abstieg mit zahlreichen scharfen Kurven folgte. Dann aber riss die obere Bespannung des rechten Flügels und die Zuschauer mussten mit ansehen, wie das Flugzeug an Tragkraft verlor und abstürzte. Aus 20 Metern fiel Reichelts Begleiterin aus dem Apparat und war auf der Stelle tot. Hermann Reichelt wurde unter seinem Eindecker begraben und erlag seinen schweren Verletzungen kurz nach der Einlieferung in das Krankenhaus.

Vier Tage nach dem Unfall wurde Reichelt und seine Schwägerin auf dem Neuen Annenfriedhof in Dresden-Löbtau beigesetzt. Etwa 15.000 Personen gaben dem Dresdner Aviatiker, der seine Ehefrau und drei Söhne hinterließ, das letzte Geleit.

Aus Anlass des 80. Todestages von Hermann Reichelt wurde die Grabstätte vom Denkmalschutzamt der Stadt Dresden saniert. Vom 8. bis 10. April 1994 fand im Militärhistorischen Museum Dresden eine Veranstaltung mit kleiner Ausstellung, Luftpostsammlertreffen und Vorträgen statt. Außerdem wurde eine Broschüre über den Dresdner Aviatiker herausgegeben. Am 24. April 1994 wurde eine Ballonpostbeförderung von Dresden nach Steinbach bei Moritzburg durchgeführt.

Anlässlich Reichelts 100. Todestages 2014 wurde neben dem Grabstein ein Gedenkpult mit biografischen Angaben und der Erklärung des Begriffs „Aviatik“ aufgestellt.

Eine Straße am Flughafen Dresden-Klotzsche trägt Reichelts Namen.

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