Goethe in Dresden

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Johann Wolfgang von Goethe (* 28. August 1749 in der Reichsstadt Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach) hielt sich in den Jahren 1768, 1790 (zweimal), 1794, 1810 (zweimal) und 1813 insgesamt etwa vierzig Tage in Dresden auf:

  1. Aufenthalt: Mai 1768: erster Aufenthalt Goethes als Leipziger Jurastudent in Dresden, er wohnte bei dem Schuster Johann Gottfried Haucke in der Friedrichstraße 5 in der Friedrichstadt[1]
  2. Aufenthalt: Mittwoch 28. Juli bis Sonntag 1. August 1790: Goethe stieg nach einer nächtlichen Fahrt von Nossen über Wilsdruff am Mittwochmorgen 1/2 8 Uhr im Hotel de Pologne auf der Schloßgasse ab und fuhr am Sonntagmorgen weiter nach Schlesien, wo am 27. Juli die Reichenbacher Konvention ausgehandelt worden war, eine Übereinkunft zwischen dem österreichischen Kaiser Leopold II. und dem preußischen König Friedrich Wilhelm II. zur Vermeidung eines Krieges zwischen ihnen. Goethe folgte seinem Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach ins Feldlager.[2]
  3. Aufenthalt: 25. September bis 3. Oktober 1790: Goethe besucht Dresden erneut auf der Rückreise aus dem schlesischen Feldlager; er holt zusammen mit dem sächsischen Hofmarschall Joseph Friedrich von Racknitz vermutlich seinen Herzog Carl August in Schandau ab und fuhr mit ihnen gemeinsam auf der Elbe bis Dresden.[3]
  4. Aufenthalt: vom 2. August 1794 bis 11. August 1794 zusammen mit seinem Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach auf einer Reise von Weimar über Dessau (26. Juli), Wörlitz, Leipzig und Dresden und zurück (12. August). Mehrmals besuchte er mit seinem Freund, dem Kunsthistoriker Johann Heinrich Meyer (Goethe-Meyer) die Gemäldegalerie (seinerzeit am Stallhof, heute Johanneum) und die Skulpturensammlungen wie die Antiken im Palais im Großen Garten und die Mengs'schen Gypse, die seinerzeit von der Bibliothek im Brühlschen Garten ebenfalls an den Stallhof umgeräumt worden (Ausstellungseröffnung am 24. August 1794). Vom Hofgärtner Johann Heinrich Seidel empfing er im "Botanischen Garten" (damals noch der "Herzogin-Garten" auf der Ostra-Allee, der am Zeughausplatz existierte erst seit 1818 bis 1893) Anregungen zu seiner Theorie der Metamorphose der Pflanzen.
  5. Aufenthalt: 6. Juli 1810 bei Christian Gottfried Körner. Körners trugen "Zelter'sche noch ungedruckte Melodien" vor[4]. Körner sprach Goethe (in Karlsbad) auf die Herausgabe der Werke von Friedrich Schiller an. Dieser lehnte eine Mitarbeit aus Zeitgründen und wegen der Entfernung zwischen Dresden und Weimar ab. Körner gab dann Schillers Werke im Alleingang heraus.[5]
  6. Aufenthalt: 17. September 1810: Goethe besucht die Gemäldegalerie und begegnet dort Luise Seidler[6]. Er besucht bis zum 24. September mehrfach die Galerie und fährt auch mit Luise Seidler in einer Kutsche aus. Zum Abschied lädt er sie ein, ihn in Weimar zu portraitieren.[7]. Am 18. September ist Goethe wieder bei den Körners und erfreut sich an der Singakademie. Es gefiel ihm so gut in Dresden, daß er sich vornahm, im nächsten Jahr 1811 wiederzukommen, was sich aber zerschlug. Auch konnten die Körners Goethes Einladung nach Weimar nicht annehmen, da Christian Gottfried Körner beruflich sehr eingebunden war.[8].
  7. Aufenthalt: April 1813: wieder bei Gottfried Körner (um den 22. April)[9] und Gerhard von Kügelgen (am 24. April und einige Tage danach)[10][11]. Bei Körner war er fatalistisch und glaubte nicht an einen Sieg gegen Napoleon. Bei Kügelgen traf er diesen zunächst nicht an und unterhielt sich mit dessen Frau Helene Marie von Kügelgen und mit dem erst zehnjährigen Wilhelm von Kügelgen, der in seinen Jugenderinnerungen eines alten Mannes ausführlich davon berichtet, auch davon, daß Goethe seinen" Eltern einen Mittag" schenkte und daß sie "die Rüstkammer mit einander besehen haben". Darüber hinaus ließ sich Goethe sehr negativ über die vielen gewerblichen "Copirer" in der Dresdner Gemäldegalerie aus, die sich damals noch im Stallhof befand. "Man erzählt, wie er [Goethe] einst bei Wahrnehmung der Unmöglichkeit, die damalige Galerie gegen Winterkälte zu schützen, ausgerufen habe: Man solle doch im Winter hier mit den Copien heizen, die im Sommer gemacht worden."[12]

[Bearbeiten] Anmerkungen

  1. "Die in diesen Kunstsammlungen empfangenen Eindrücke und die begeisterten Schilderungen der Dresdner Galerie erweckten in Goethe die Sehnsucht, diese hervorragendste aller deutschen Gemäldesammlungen kennen zu lernen, und er unternahm daher vor Beginn des letzten Semesters seiner Leipziger Studienzeit, im März 1768, eine Reise nach Dresden. Hierzu bedurfte er noch mehrerer Vorbereitungen, als ohnehin eine Reise zu jener Zeit erforderte; denn er hatte durch die abschreckenden Beschreibungen, die sein Vater von dem Leben in Gasthäusern zu machen pflegte, eine solche Abneigung dagegen geschöpft, daß er darauf bedacht war, in Dresden ein Unterkommen außerhalb eines Gasthauses zu finden. Dies wäre ihm auch gar nicht schwer geworden; denn unter seinen Leipziger Freunden waren auch Dresdner Kinder, die ihm manchmal zuredeten, Dresden zu besuchen und ihm Wohnung bei ihren hiesigen Verwandten anboten, so namentlich der damalige Rathsassessor, nachmalige Bürgermeister von Leipzig Hermann, dessen Vater Oberhofprediger war, sowie ferner sein vertrautester Freund Behrisch, dessen Vater, Hofrath Behrisch, hier lebte. Allein solche Erbieten anzunehmen, hinderte Goethe eine andere Eigenheit: er vermied ungewöhnliche Schritte mit seinen Bekannten zu besprechen, liebte vielmehr mit vollzogenen Thatsachen hervorzutreten. Das sprechendste Beispiel hierfür gab er bei seiner Reise nach Italien, deren Ziel er außer seinem Kammerdiener Niemandem, nicht einmal dem Herzog vertraute. Für das Unterkommen in Dresden gerieth er daher auf eine andere Auskunft. Sein Stubennachbar in der Großen Feuerkugel zu Leipzig war ein armer halb blinder Theolog Limprecht, der mit einem Vetter in Dresden, einem Schuhmacher, in Briefwechsel stand. Goethe las dessen Briefe auch und fühlte sich durch die verständigen Ansichten und die heitere Laune des Schreibers angezogen. Den Wunsch, den Mann kennen zu lernen, konnte er nun mit dem Vorhaben, während des bevorstehenden Aufenthalts in Dresden in einer Familie Aufnahme zu suchen, vereinigen, indem er sich von Limprecht empfehlen ließ. Dies geschah." Dr. Woldemar Freiherrn von Biedermann (Geh. Rath a. D.): "Goethe in Dresden." In: Dresdner Geschichtsblätter. Band 1 (1892 bis 1896), S. 33-41 (hier: S. 34); Vortrag, gehalten am 11. April 1892.
  2. "Bei der Herreise langte Goethe am 28. Juli [1790] früh halb acht Uhr in Dresden an, da er der Mittagshitze wegen Tags vorher in Rochlitz die Reise unterbrochen hatte und die Nacht hindurch gereist war. Er besuchte nach seiner Ankunft sogleich den Hausmarschall Freiherrn von Racknitz. Diesen vieseitig gebildeten Mann hatte Goethe 1786 ebenso wie den hiesigen Professor an der medicinisch-chirurgischen Akademie Titius in Karlsband kennen gelernt." Biedermann, Woldemar von, Gothe in Dresden, Leipzig 1875.
  3. "In Dresden 1790 wurde Goethe vom Grafen Geßler zu dem befreundeten Appellationsrath Körner auf dessen Weinberg in Loschwitz gebracht. Es steht noch nicht fest, ob Goethe den Genannten hier zuerst kennen lernte. Wahrscheinlich ist es, da nicht bekannt ist, daß er mit ihm früher zusammengetroffen wäre, auch Schiller am 1. November 1790 an Körner schreibt, Goethe habe sehr die persönliche Bekanntschaft mit ihm gerühmt und mit Wärme von dem angenehmen Aufenthalt bei Körners und überhaupt in Dresden gesprochen. Dagegen theilt freilich Körner Schillern unterm 13. August mit, er habe "wieder" eine halbe Stunde lang ein interessantes Gespräch über Kunst mit Goethe gehabt. Möglicherweise liegt hier ein Druckfehler vor (vielleicht für "über"). Sonst schreibt Körner: Goethe sei aufgethaut und zuletzt sehr mittheilend gewesen, doch habe seine Art sich anzukündigen immer etwas Kaltes und Zurückscheuchendes. In Körners Frau und ihrer Schwester, der Malerin Dora Stock, fand Goethe alte Bekannte aus Leipzig wieder. Sie waren die Töchter des von Nürnberg nach Leipzig übergesiedelten Kupferstechers, welchem Goethe als Student Unterricht im Radiren gehabt hatte. [...] Ferner war Goethe jetzt abermals häufig mit Körner zusammen, dem es gelungen war ihm näher zu kommen und der ihn nun mittheilender fand. Ihre Unterhaltungen waren mannigfacher Art. Aus der Kritik der teleologischen Urtheilskraft von Kant, mit dessen Philosophie Körner sich viel beschäftigte, schöpfte Goethe Nahrung für seine philosophischen Ansichten; er sprach dabei Gesichtspuncte über Stil und Classicität in der Kunst aus, die Körner als fruchtbar anerkennen mußte, obschon sie mit dessen Theorie der Ideale nicht übereinstimmten. Namentlich berdankte Körner Goethen manche treffliche Winke über den Genuß der Werken der bildenden Kunst. Goethe trug ihm auch einige um diese Zeit gedichteten Elegien vor und sandte halb nachher deren noch einige aus Weimar. Von dort aus dankte er Körnern am 21. October 1790 brieflich für die ihm erwiesene Freundschaft und Güte, versicherte, daß ihm Körner und dessen Gattin mehr gegeben, als er hätte wünschen dürfen." Biedermann, Woldemar von, Goethe in Dresden, Leipzig 1875.
  4. "480. 1810, 6. Juli. Bei Körners: [Riemer] Abends zu Körners, die Zelter'sche noch ungedruckte Melodien vortrugen. Wo Goethe war. »Vergnügungen (Bälle, Concerte etc.) zum Besten der Armen kommen mir vor wie eine Ökonomie, wo man mit dem Abgange des Eßbaren noch die Schweine füttert.«" In: Goethe-Gespr. Bd. 2 (Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896).
  5. "477. 1810, Juli. Mit Gottfried Körner: Mit Goethen habe ich in Karlsbad über Schiller's Werke gesprochen. Ich fand bei ihm zwar Wärme für Schiller, aber keine Neigung, sich mit der Herausgabe der Werke zu befassen. Auch zur Fortsetzung des »Demetrius« schien er keine Lust zu haben: es wären, meinte er, noch nicht zwei Acte fertig, also über die Hälfte noch zu machen. Auf meinen Vorschlag, daß ich bei der Herausgabe der Werke alles Mühsame besorgen wolle und er nur die Direction des Ganzen übernehmen möchte, erwiederte er, daß dies sehr thunlich sein würde, wenn wir an Einem Orte wohnten, aber durch Briefe lasse es sich nicht machen. Weiter bin ich nicht mit ihm gekommen und habe mir bloß vorbehalten, ihm noch den Plan zur Billigung vorzulegen. Den Aufsatz über Schiller's schriftstellerische Eigenthümlichkeit lehnte er unter der Äußerung ab, daß ihn dies zu weit führen und zu viel Zeit kosten würde, die er jetzt zu mehreren angestrengten Arbeiten nöthig habe." In: Goethe-Gespr. Bd. 2 (Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896).
  6. "496. 1810, 17. September. Auf der Galerie in Dresden. Eines Morgens, während ich [Luise Seidler] auf der Galerie arbeitete, erscholl die Kunde: Er ist da! Er ist auf der Galerie! »Ich habe ihn gesehen!« rief Frommann, »ich habe ihn gesprochen; er ist in bester Laune.« Die Schwägerin [Betty Wesselhöft] meinte: »Ich weiß nicht, ob es nöthig ist, ihm entgegenzugehen? Ich denke, wir warten ihn hier ab.« Diese Meinung drang durch. Aber als die imponirende Gestalt des Dichterfürsten .... am äußersten Ende der Galerie sichtbar wurde, da flog sie ihm doch schnell entgegen. Ich blieb allein, überrascht, verdutzt zurück. In kindischer Verlegenheit darüber, daß mir der Moment entschlüpft war, ihn auch sogleich zu begrüßen, flüchtete ich mich in eine Fenstervertiefung. Hier hörte ich, wie Goethe näher kam und an meiner Staffelei stehen blieb. »Das ist ja eine allerliebste Arbeit, diese heilige Cäcilia nach Carlo Dolce!« hörte ich ihn sagen; »wer hat sie gemacht?« Man nannte ihm meinen Namen. Als er ihn erfahren hatte, schaute er um die Ecke und sah mich in meinem Versteck stehen. Ich fühlte das Blut in meine Wangen steigen, als er mir liebreich die Hand bot. In väterlich-wohlwollendem Tone drückte er seine Freude aus, mir hier zu begegnen und ein Talent, von welchem er früher nie etwas gewußt, an mir zu finden. »Wo wohnen Sie, mein Kind?« fragte er weiter. »In der Ostraallee neben dem botanischen Garten,« erwiederte ich. »Da werde ich Sie besuchen; wir wollen zusammen den botanischen Garten besehen und diese herrlichen Augustabende [Gedächtnisfehler ?] recht genießen. Auch kann ich Ihnen noch manches zeigen: es giebt Privatsammlungen hier, die Sie gewiß noch nicht kennen. Nur wünschte ich nicht, daß davon gesprochen wird,« fügte er hinzu..." In: Goethe-Gespr. Bd. 2 (Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896).
  7. "497. 1810, 18. bis 24. September. Mit Luise Seidler: Als meine Nachbarin bemerkte, daß Goethe später oft in der Galerie auf- und niederwandelte und mit mir über Gemälde sprach, bat sie mich, ihn gelegentlich über die Bedeutung einer Schnecke zu fragen, welche im Vordergrunde einer .... »Verkündigung« von Mantegna angebracht war. Ich benutzte einen günstigen Augenblick dazu, als der Dichter am nächsten Morgen wie gewöhnlich die Galerie besuchte. »Diese Schnecke ist ein Zierrath, meine Freundin, welchen die Laune des Malers hier angebracht hat. (Ich hole Sie heute mit dem Wagen ab, wir fahren zusammen spazieren!)« flüsterte er mir dazwischen in aller Schnelligkeit zu; dann fuhr er in seinem vorigen Tone fort: »Die Maler haben oft solche Phantasien und Einfälle, denen nicht immer eine tiefere Beziehung zum Grunde liegt.« Er beendete nun seine Belehrung, als sei jene Einschaltung gar nicht gemacht worden. Gegen Abend kam wirklich der Wagen; Goethe und Seebeck saßen darin; wir fuhren an dem herrlichen Augustabend [Gedächtnisfehler ?] durch Dresdens reizende Umgegend. So geschah es mehrmals; ich erlebte köstlichste Stunden .... Goethes Abschied von Dresden wurde mir erleichtert durch seine Einladung, ihn im Winter in seinem Hause zu besuchen. Er wollte mir erlauben, ihn zu malen, um mich dadurch als Portraitmalerin bekannt zu machen. Auch wünschte er, daß ich ihm meine Arbeiten zuschicke, damit er sie den Weimarischen Fürstlichkeiten zeige." In: Goethe-Gespr. Bd. 2 (Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896).
  8. "498. 1810, 18. September. Bei Körners: Goethe war auch in Karlsbad und ich [Emma Körner] war äußerst begierig, ihn nach mehreren Jahren wieder zu sehen; die erste Zusammenkunft mit ihm entzückte mich indessen nicht, da er immer etwas steifes hat, ehe man genauer mit ihm bekannt wird, und obgleich er meine Eltern nun doch schon so lange kennt, konnten wir es doch während unsers ganzen Aufenthalts in Karlsbad nicht dahin bringen, mit ihm auf einen zutraulichern Ton zu kommen, aber bei einem Aufenthalt von 14 Tagen, den er nach vollendeter Badecur in Dresden machte, hat er uns reichlich für diese Förmlichkeit entschädigt, indem er ein ganz andrer Mensch war, als wir ihn früher gesehn, und seine Art, sich über so manche Gegenstände mitzutheilen, uns unendlichen Genuß gewährt hat. Er nimmt großes Interesse an Musik, und unsre kleine Singakademie machte ihm sehr viel Freude. Dresden hat ihm so wohl gefallen, daß er uns versprochen, künftiges Jahr wieder hier durchzugehn und dann einen längern Aufenthalt zu machen; er hatte uns auch eingeladen, ihn diesen Winter in Weimar zu besuchen, was aber bei dem Vater seinen Geschäften leider ganz unmöglich ist." In: Goethe-Gespr. Bd. 2 (Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896).
  9. "576. 1813, um 22. April. Bei Christian Gottfried Körner: Auch Goethe kam [nach Dresden] und besuchte mehrmals das ihm befreundete Körner'sche Haus. Ich [Arndt] hatte ihn in zwanzig Jahren nicht gesehen; er erschien immer noch in seiner stattlichen Schöne, aber der große Mann machte keinen erfreulichen Eindruck. Ihm war's beklommen und er hatte weder Hoffnung noch Freude an den neuen Dingen. Der junge Körner war da, freiwilliger Jäger bei den Lützowern; der Vater sprach sich begeistert und hoffnungsreich aus, da erwiderte Goethe ihm gleichsam erzürnt: »Schüttelt nur an Euren Ketten; der Mann ist Euch zu groß, Ihr werdet sie nicht zerbrechen.«" In: Goethe-Gespr. Bd. 3 (Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896).
  10. "578. 1813, 24. April. Im Hause Gerhards von Kügelgen: Goethe war... am Morgen des Einzuges der Monarchen [Preußens und Rußlands in Dresden] ganz zutraulich bei uns eingetreten, und da er den Vater, der ihn anderwärts suchte, nicht zu Hause fand, hatte er die Mutter um Erlaubniß gebeten, bei ihr bleiben zu dürfen, um aus ihren Fenstern und vom Straßengedränge unbelästigt den erwarteten Einzug mit anzusehen. Er werde in keiner Weise stören, hatte er hinzugesetzt, wolle sich ganz still verhalten und bitte, keinerlei Notiz von ihm zu nehmen. Die Mutter glaubte zu verstehen, daß er selbst unbelästigt sein wolle, Sie überließ ihm daher ein Fenster, setzte sich mit ihrer Arbeit an ein anderes und drängte sich ihm mit keiner Unterhaltung auf. Da stand er denn, der prachtvoll hohe Mann in seinem langen Überrock und blickte, die Hände auf dem Rücken, behaglich auf das bunte Gewühl des drängenden Volkes nieder. Er sah sehr heiter aus und meine [Wilhelms v. Kügelgen] Mutter glaubte es ihm abzufühlen, wie dankbar er ihr für die Schonung sei, mit der sie ihn gewähren ließ; denn sie wußte, wie sehr der seltene Gast bis dahin von der bewundernden Zudringlichkeit schöngeisterischer Damen belästigt und gequält gewesen. Er pflegte sonst immer von großer Cortege umgeben zu sein, und da er so allein gekommen, nahm meine Mutter an, daß es ihm gelungen, sich vielleicht vom Gedränge begünstigt, aus seiner anbetenden Umgebung wegzustehlen und hierher zu retten, um die feierlichen Eindrücke eines geschichtlichen Ereignisses ungestörter in sich aufzunehmen. Sie rief daher auch mich hinweg, der ich dem großen Manne immer näher rückte und ihn anstarrte wie einer, der zum ersten Male in seinem Leben einen Walfisch oder Elephanten sieht. Er aber zog mich an sich, legte die Hand auf meine Schulter und fragte mich dies und jenes, unter anderm auch, ob ich mich darauf freue, den Kaiser von Rußland zu sehen. Ich sagte: ja, ich freute mich darauf, weil er mein Pathe wäre; und allerdings hatte ich bis jetzt in dieser glücklichen Illusion gelebt, bloß weil ich eben auch Alexander hieß. Meine Mutter gab indeß sogleich die nöthige Aufklärung, und Goethe fragte nun manches über Rußland. So war sie dennoch mit ihm ins Gespräch gekommen. Indem ward heftig an der Klingel gerissen. Ich sprang fort, um die Thür zu öffnen, und herein drang eine unbekannte Dame, groß und stattlich wie ein Kachelofen und nicht weniger erhitzt. Mit Hast rief sie mich an: »Ist Goethe hier?« – Goethe! Das war kurz und gut. Die Fremde gab ihm gegen mich, den fremden Knaben, weiter kein Epitheton, und kaum hatte ich die Zeit, mein einfaches Ja herauszubringen, als sie auch schon, mich fast übersegelnd, unangemeldet und ohne üblichen Salutschuß wie ein majestätischer Dreidecker in dem Zimmer meiner Mutter einlief. Mit offnen Armen auf ihren Götzen zuschreitend, rief sie: »Goethe! ach Goethe, wie habe ich Sie gesucht! Und war denn das recht, mich so in Angst zu setzen?« Sie überschüttete ihn nun mit Freudenbezeugungen und Vorwürfen. Unterdessen hatte sich der Dichter langsam umgewendet. Alles Wohlwollen war aus seinem Gesichte verschwunden, und er sah düster und versteinert aus wie eine Rolandssäule. Auf meine Mutter zeigend, sagte er in sehr prägnanter Weise: »Da ist auch Frau V. Kügelgen.« Die Dame machte eine leichte Verbeugung, wandte dann aber ihrem Freunde, dessen üble Laune sie nicht bemerkte, ihre Breitseiten wieder zu und gab ihm eine volle Ladung nach der andern von Freudenbezeugungen, daß sie ihn glücklich geentert, betheuernd, sie werde sich diesen Morgen nicht wieder von ihm lösen. Jener war in sichtliches Mißbehagen versetzt .... Er knöpfte seinen Oberrock bis ans Kinn zu, und da mein Vater eintrat und die Aufmerksamkeit der Dame, die ihn kannte, für einen Augenblick in Anspruch nahm, war Goethe fort." In: Goethe-Gespr. Bd. 3 (Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896).
  11. "579. 1813, um 24. April. Mit der Familie von Kügelgen. Während seines damaligen Aufenthaltes in Dresden habe ich (Wilhelm v. K.) den großen Dichter noch öfter anzustaunen Gelegenheit gehabt und zwar stets mit einer Ehrfurcht, die sein königliches Wesen ganz von selbst hervorrief. Er schenkte meinen Eltern einen Mittag und außerdem erinnere ich mich, daß wir die Rüstkammer mit einander besehen haben ..... Goethe sah die Rüstkammer noch in ihrem alten Graus und freute sich daran. Noch sehe ich seine majestätische Gestalt mit der lebendigsten Theilnahme unter den gespenstigen Harnischen herumwandeln, welche wie lebendige Recken auf prachtvoll geschnitzten Streitrossen sitzend in den niedrigen Räumen des alten Locals fast riesengroß erschienen. Einer besonders imposanten Gestalt nahm Goethe den von Edelsteinen funkelnden Commandostab aus der Eisenfaust, wog ihn in der Hand und zeigte ihn uns Kindern. »Was meint Ihr?« – sagte er – »Mit solchem Scepter zu commandiren, muß eine Lust sein, wenn man ein Kerl danach ist.«" In: Goethe-Gespr. Bd. 3 (Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896).
  12. "1661. 1813, gegen Ende April. Über das Copiren auf der Dresdner Galerie: Man erzählt, wie er [Goethe] einst bei Wahrnehmung der Unmöglichkeit, die damalige Galerie gegen Winterkälte zu schützen, ausgerufen habe: Man solle doch im Winter hier mit den Copien heizen, die im Sommer gemacht worden." In: Goethe-Gespr. Bd. 3 (Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896).
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