DEFA-Studio für Trickfilme Dresden

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ehem. Gasthof „Reichsschmied“, Sitz des Trickfilmstudios
Das frühere Hauptgebäude beherbergt heute eine amerikanische Gaststätte und Bar.

Das VEB DEFA-Studio für Trickfilme Dresden wurde am 1. April 1955 gegründet und bestand bis zu seiner Abwicklung im Jahr 1992 als volkseigener Betrieb (zuletzt kurzzeitig auch als Gesellschaft mit beschränkter Haftung) an seinem Standort Kesselsdorfer Straße 208. Ein Betriebsteil Tonatelier befand sich in Dresden-Gittersee.

Das Trickfilmstudio befasste sich mit Animationsfilmen im weitesten Sinn und bot eine Heimstatt für sämtliche Gewerke, die für Zeichen-, Scherenschnitt- (Silhouetten-), Flachfiguren-, Puppentrick- und Handpuppenfilme notwendig waren.

Um die Hinterlassenschaften des Trickfilmstudios zu erschließen, archivieren, restaurieren und zu präsentieren, wurde 1993 das Deutsche Institut für Animationsfilm (DIAF) ins Leben gerufen.

[Bearbeiten] Geschichte

Von 1955 bis 1992 produzierten die Mitarbeiter insgesamt mehr als 1500 Filme für Kino, Fernsehen, Werbung sowie verschiedene Einrichtungen wie das Dresdner Hygiene-Museum (Kundi-Gesundheitsfilme) oder den FDGB (Theo-Arbeitsschutzfilme). In Spitzenzeiten waren etwa 240 Mitarbeiter im Studio tätig, davon 150 im künstlerischen Bereich.

Gegründet wurde die Gorbitzer „Trick-Fabrik“ am 1. April 1955. Sie startete mit etwa 80 Mitarbeitern, die nicht allzu viel Filmerfahrung mitbrachten, dafür jede Menge Engagement und Ideen, vor allem für Kinderfilme. Zu den Gründungsmüttern und -vätern gehörten u. a. die Burg-Giebichenstein-Absolventen Christl und Hans-Ulrich Wiemer, Katja und Klaus Georgi und Otto Sacher, die das Studio bis zum Schluss prägten. Aus Potsdam-Babelsberg kamen Kurt Weiler, der sich später durch künstlerisch anspruchsvolle Puppenanimationsfilme hervortat, der Puppentrickfilmer Johannes (Jan) Hempel sowie Lothar Barke, dessen Pfannkuchen-Teufelchen aus „Alarm im Kasperletheater“ große und kleine Zuschauer noch heute lieben. Bruno J. Böttge brachte seine Leidenschaft für den Silhouettenfilm mit ins junge Studio, und der Puppenspieler Erich Hammer etablierte Handpuppenfilme in Gorbitz.

Von Anfang an produzierten die Studiomitarbeiter hauptsächlich für junge Zuschauer. Knapp drei Viertel aller Filme entstand für Kinder: Märchen aus aller Welt, Buchverfilmungen, Gegenwartsstoffe. Die liebenswürdigen Kinderfilme mit ihrer humanistischen Grundaussage (manchmal etwas didaktisch und „moralinsauer“) und der langsamen (gelegentlich zähen) Erzählweise begeisterten damals wie heute. Auch Arbeiten für Erwachsene fanden ihr Publikum, zumeist als Vorfilm im Kino, aber ebenso als Lehrfilme, etwa mit dem „Arbeitsschutz-Theo“.

In den 1960er Jahren wurde Animationsfilm-Nachwuchs in einem kurzlebigen Studiengang an der Hochschule für Bildende Künste Dresden unter der Leitung von Otto Sacher ausgebildet.

In den 70er Jahren öffnete sich die DDR zunehmend internationalen Tendenzen, im Dresdner Trickfilmstudio entstanden erste Co-Produktionen, etwa die „Rübezahl“-Serie mit Kratky Film aus Prag oder „Der fallende Schatten“ mit Sojusmultfilm aus Moskau, und sogar Märchenverfilmungen für das italienische Fernsehen. Zeitgleich jedoch wurden etliche Filme mit politischem Sujet gedreht – der damalige Studiodirektor Wolfgang Kernicke galt als Hardliner.

Dramaturgin Marion Rasche, seit 1981 künstlerische Leiterin der „Trick-Fabrik“, kämpfte couragiert dafür, dass neue Inhalte, andere Sichtweisen und frische künstlerische Gestaltungen in die Filme einfließen konnten. Sie ermöglichte bildenden Künstlern wie Lutz Dammbeck und Helge Leiberg, sich mit dem Medium Film auszuprobieren. Studiomitarbeiter setzten sich mit den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR auseinander. In den 80ern wurde auch endlich wieder künstlerischer Nachwuchs ausgebildet.

Mit der politischen Wende 1989/90 brachen die sicheren Auftraggeber wie Filmverleih Progreß, Fernsehen und FDGB weg. Der Versuch, als GmbH in der Marktwirtschaft zu bestehen, scheiterte. Zum 30. Juni 1992 schloss das Gorbitzer Studio endgültig seine Pforten.

Ehemalige Studiomitarbeiter retteten viele Filme, Figuren, Zeichenfolien, Fotos und Dokumente, teilweise sogar aus Müllcontainern. Im 1993 gegründeten Verein Deutsches Institut für Animationsfilm (DIAF) in Dresden wurden die Materialien gereinigt, erschlossen und katalogisiert. Gemeinsam mit der DEFA-Stiftung in Berlin bewahrt und erforscht das DIAF die künstlerischen Materialien, den umfangreichen Filmbestand und die wechselvolle Geschichte des Studios. In Ausstellungen, Filmprogrammen, Publikationen und Vorträgen wird das vielfältige Erbe der Öffentlichkeit zugängig gemacht.

[Bearbeiten] Gebäude

Das heute denkmalgeschützte Gasthofsgebäude an der Kesselsdorfer Straße beherbergte im Erdgeschoss die Ateliers für Silhouettentrick, in den Obergeschossen Verwaltungsbüros und im Keller die Kantine mit Küche, Essenausgabe und alten, schwarzen Kirchenbänken mit roten Kissen. Direkt hinter dem Gasthof wurde etwa 1966/67 ein Atelier-Neubau mit einem schwarz-weiß gestreiften Fahrstuhlturm „angedockt“. Dahinter umschlossen drei Gebäude einen begrünten Hof: links die sogenannte Schnittbaracke, hinten die Zeichentrickbaracke und rechts, an der Rädestraße, das in den 1960er Jahren errichtete Heizhaus. Nordwestlich hinter die Zeichentrickbaracke wurde Mitte der 1980er Jahre noch ein zweistöckiger „Zeichentrick-Neubau“ (Plattenbau) gesetzt.[1]

Das Trickfilm-Tonstudio befand sich seit 1958 im ehemaligen Gitterseer Gasthaus „Friedenswacht“ an der Karlsruher Straße 83. Während der Saal als Tonatelier genutzt wurde, beherbergten die Räume im Erdgeschoss links des Eingangs die Schulspeisung der nahegelegenen 80. POS. Rechts des Eingangs befanden sich Verwaltungsräume des DEFA-Trickfilmstudios, Betriebsteil Tonatatelier.[2]

Von 1991 bis 2000 wurde das ehemalige „Reichsschmied“-Gebäude an der Kesselsdorfer Straße vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und seiner Tochterfirma drefa genutzt. Im September 2013 wurden schließlich die beiden je 130 Kilogramm schweren Firmenschilder vom Turm abgebaut und in Leipzig eingelagert.[3]


[Bearbeiten] MitarbeiterInnen (Auswahl)

Ina Rarisch | Lieselotte Voretzsch-Linné | Kurt Weiler | Günter Rätz | Lothar Barke | Katja und Klaus Georgi | Bruno J. Böttge | Jörg Herrmann | Sieglinde Hamacher | Barbara Atanassow | ...

[Bearbeiten] Nach 1990

In den 1990er Jahren gründeten einige ehemalige DEFA-Mitarbeiter eigene Produktionsfirmen und setzen auf diese Art die Dresdner Animationsfilm-Tradition fort, beispielsweise:

[Bearbeiten] Quellen

  1. Fotos im DIAF, Informationen einer früheren Mitarbeiterin des Trickfilmstudios, 2.2.2015
  2. Fotos im DIAF, Informationen einer früheren Mitarbeiterin des Trickfilmstudios, 2.2.2015
  3. hh: Ein Stück Filmgeschichte. In: DNN 17.9.2013, S. 11

[Bearbeiten] Weblinks

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