Zinzendorf in Dresden
Nicht nur der Prototyp der Brüdergemeine ist in Dresden 1721 im Hause von Nikolaus Ludwig von Zinzendorf entstanden, sondern auch der brüdergemeinlich initiierte Dresdner Missions-Hilfsverein von 1819 und seine Nachfolgerin, die Evangelisch-Lutherische Missionsgesellschaft zu Dresden von 1836 hatten in Dresden ihren Ursprung - und damit der Lutherische Weltbund. Auch später entwickelte sich der missionarische Impuls in Dresden vor allem aus der Diaspora der Brüderunität heraus.
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[Bearbeiten] Vor der Brüder-Unität: Zinzendorf in Dresden 1721 bis 1726
Graf Zinzendorf kam nach seinen Studien am 22. Oktober 1721 als Justizrat nach Dresden zurück und hielt religiöse Zusammenkünfte zunächst für seine Hausgenossen ab, verschloß aber keinem die Tür. Er wohnte am Neustädter Kohlmarkt im Hause des Stuckaturarbeiters Schuhmann. Bald versammelten sich in seiner Wohnung 50 oder gar 100 mit Bibel und Gesangbuch versehene Personen. Ihr Gesang wurde von einem Diener auf dem Klavier begleitet. Bei jeder Versammlung legte Graf Zinzendorf eine Stelle aus der Bibel aus.
Am 30. Dezember 1726 kam ein kurfürstliches Verbot dieser Hausversammlung. Der kurfürstliche Befehl lautete, "solche an sich unzulässige Conventus sofort gänzlich einzustellen". Sicherlich ist dies darauf zurückzuführen, daß der damalige evangelische Superintendent von Dresden, Valentin Ernst Löscher am 12. Dezember und 17. Dezember 1726 die Konventikel am Kohlmarkt heimlich visitieren ließ. Im Ergebnis stellte sich heraus, daß Zinzendorfs Kirchentreue von seiner Kritik an der evangelischen Kirche übertroffen wurde. Weder der Superintendent noch der Rat wagten sich aber, gegen ihn vorzugehen, und überließen dies dem Kurfürsten. Bald darauf ging Graf Zinzendorf monatelang auf Reisen und verließ Dresden 1728 für ständig. 1732 quittierte er auch seinen landesfürstlichen Dienst. Aber der einmal von ihm ausgestreute Same ging dennoch nicht unter. Es folgte ein intensiver persönlicher und schriftlicher Austausch zwischen Herrnhut und Dresden. Schließlich wurde etliche Mitglieder dieses ersten Hauskreises in die Brüdergemeine aufgenommen.
[Bearbeiten] Nikolaus Ludwig von Zinzendorf
Nikolaus Ludwig von Zinzendorf wurde am Mittwoch, den 26. Mai 1700 Abends gegen sechs Uhr als Sohn des damals 38jährigen kursächsischen Cabinetsministers Georg Ludwig Graf von Zinzendorf und Pottendorf[1] und der damals 25jährigen Charlotte Justine geb. von Gersdorff[2] in Dresden geboren. Niemand vermochte zu diesem Zeitpunkt auch nur zu ahnen, dass sich hierdurch Dresden zur Keimstatt sowohl der Brüdergemeine als auch - mit brüdergemeinlicher Initiative - des Lutherischen Weltbundes entwickeln würde.
Taufpaten von Nikolaus Ludwig von Zinzendorf waren die Kurfürstinnen von Sachsen und von der Pfalz sowie der Begründer des Pietismus, Philipp Jacob Spener. Hierdurch war allerdings zumindest der geistige Same dafür gelegt, dass sich Nikolaus Ludwig von Zinzendorf einmal zu einem bedeutenden Geistlichen entwickeln werden könne.
Philipp Jacob Spener bekleidete damals zwar seit 1691 das Amt des Propstes und Konsistorialrates an der Berliner St. Nikolai-Kirche, hatte aber als Oberhofprediger in Dresden von 1686 bis zu seiner Berufung nach Berlin eines der angesehensten Ämter im damaligen deutschen Luthertum inne. Nur aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit seinem Landesherrn, dem Kurfürsten Johann Georg III. von Sachsen (Juni 1647 bis September 1691)[3], nahm er die Berufung nach Berlin an, wo er auch bis zu seinem Tode 1705 blieb.
Auch noch neun Jahre nach seinem Wegzug aus Dresden pflegte Philipp Jacob Spener freundschaftliche Beziehungen zu den dortigen Gleichgesinnten. Zu ihnen gehörte die damals 52jährige Henriette Catharina von Gersdorff[4], die Großmutter mütterlicherseits von Nikolaus Ludwig von Zinzendorf. Henriette Catharina von Gersdorff wohnte mit ihrem Mann Nicolaus Freiherrn von Gersdorff[5] kaiserlicher Rat überwiegend in Dresden und gewann durch die Stellung ihres Mannes als Gesandter der Kurfürsten und Landvogt der Oberlausitz auf die Staats- und Kirchenangelegenheiten einen nicht unbedeutenden Einfluß. In der Auseinandersetzung der kirchlichen Orthodoxie mit den Pietisten stand sie stets auf der Seite der Letzteren, weil sie zu einem philadelphischen Christentum gefunden hatte. So förderte sie beispielsweise mit ihrem Vermögen die von Spener angeregte Übersetzung der Bibel ins Sorbische.[6] Sie verfasste auch zu ihrer Zeit viel beachtete deutsche wie auch lateinische Gedichte[7]. Henriette Catharina und Nicolaus Freiherr von Gersdorff besuchten nicht nur Speners Gottesdienste und Katechismusunterweisungen, sondern unterstützten auch nachhaltig die pietistische Reformbewegung, so dass sie zum engeren Kreis um Philipp Jakob Spener gerechnet werden können. Spener ließ sich deswegen von Henriette Catharina von Gersdorff als Taufpate ihres Enkels Nikolaus Ludwig von Zinzendorf gewinnen.
Zinzendorf Vater starb bereits am 9. Juni 1700, genau zwei Wochen nach seiner Geburt, sein Großvater Nikolaus von Gersdorff am 23. August 1702. Daraufhin wohnte seine Großmutter Henriette Katharine von Gersdorff überwiegend auf ihren Güter in der Lausitz, von wo sie allerdings das begonnene Werk ihres Mannes fortsetzte.
Zinzendorfs Mutter heiratete am 15. Dezember 1704[8] zum zweiten Mal (den Feldmarschall Dubislav Gneomar von Natzmer in Berlin, gest. 13. Mai 1739 in Berlin) - sie wurde 89 Jahre (gest. 1764?) und überlebte sogar ihren Sohn Zinzendorf. Der Knabe aus erster Ehe wurde zur Erziehung seiner Großmutter übergeben.
Zinzendorf suchte wie seine pietistische Großmutter seine Seligkeit in dem innigsten persönlichen Umgange mit dem Heilande. Diese Lebenshaltung führte ihn mit zehn Jahren zu den Franckeschen Stiftungen.
Am 22. Mai 1719 besucht er auf seiner Kavaliersreise in Düsseldorf die Gemäldegalerie und wird mit einem Ecce-homo-Gemälde von Domenico Feti konfrontiert, welches die Bild-Unterschrift trägt: Ego pro te haec passus sum; tu vero, quid fecisti pro me? („Ich habe dies für dich gelitten; du aber, was hast du für mich getan?“). Dies wurde für ihn ein Schlüsselerlebnis für sein vertieftes Selbstverständnis als Christ.
[Bearbeiten] Zinzendorf in Dresden
[Bearbeiten] Dresdner Geschichtsblätter Band 1 (1892)
- "Zinzendorfstraße – diese Neubenennung der Langestraße giebt uns Veranlassung, die Beziehungen Zinzendorfs zu Dresden zu besprechen. Wir folgen dabei den Biographien des Grafen von Spangenberg und Schrautenbach, sind aber in der glücklichen Lage, aus einem beim Brand von 1760 geretteten Aktenstücke des hiesigen Ephoralarchivs (Lit. C. Nr. 9. Die Konventikula derer Herrnhuter 1714 ff.) manches Neue bieten zu können."
- "Schon durch seine Geburt gehört bekanntlich Zinzendorf Dresden an. „Am 26. Mai im Jahre 1700 Mittwoch abends gegen 6 Uhr – so schrieb die Mutter später in ihre Bibel – hat der allerhöchste Gott mich in Dresden mit meinem ältesten Sohne Nikolaus Ludwig aus Gnaden beschenkt.“ In welchem Hause die Geburt erfolgt ist? Wir wissen es nicht genau. Der Vater, Georg Ludwig Graf von Zinzendorf, sächsischer Konferenzminister, hatte in und bei Dresden zwei Häuser, das große Wohnhaus Scheffelstraße 9 und das unlängst verschwundene Sommerhaus in der Pirnaischen Vorstadt, im Volksmund „Zinzendorfs“ [31] genannt, welches die Ecke der Langestraße und der Pirnaischen Gasse bildete. Wir vermuthen, daß unser berühmter Landsmann in der Scheffelstraße das Licht der Welt erblickt hat, da die Mutter, zumal im Mai, die Geburt des Kindes sicherlich in der innern Stadt wird abgewartet haben, wo Aerzte auch nachts zu haben waren und die Bequemlichkeit größer war als in dem leichten Fachwerkbau draußen vor der Festung."
- "Bei der Taufe standen die Kurfürstinnen von Sachsen und von der Pfalz, sowie Spener, der alte Freund der Familie, Gevatter. Schon am 9. Juli 1700, 6 Wochen nach der Geburt des Knaben, starb der Vater. Die Mutter, Charlotte Justine von Gersdorf, eine geborene Dresdnerin, zog sich in die Lausitz zurück, bis sie 1704 den General von Natzmer heirathete. Auf lange Zeit waren die Beziehungen der Familie Zinzendorf zu Dresden unterbrochen. Erst am 22. Oktober 1721 betrat der junge Graf den Boden seiner Geburtsstadt wieder."
- "Nur aus Liebe zu den Seinigen hatte Zinzendorf auf deren Wunsch die Rechte studirt – er war Theolog durch und durch. Nach vollendeten Studien drängten ihn die Seinen dazu, eine Staatsanstellung zu suchen. So sah er sich veranlaßt, den Posten eines Hof- und Justizraths bei der Landesregierung unter dem Kanzler von Bünau zu übernehmen. Die Pflichten, die ihm dies Amt auferlegte, waren freilich herzlich gering. Er bekleidete es nur dem Namen nach, wie er sich denn gleich von vorn herein ausbedungen hatte, lediglich in „Vorbeschiedssachen gebraucht zu werden.“ Seine Lebensaufgabe, der er mit ganzem Eifer oblag, war nach seinen eignen Worten, „dem Herrn Jesu Seelen zu gewinnen.“ Zu diesem Behufe suchte er Verkehr mit Frommen aus allen Ständen und hielt in seiner Miethswohnung auf dem Kohlmarkt in Neustadt, der heutigen Körnerstraße, im Hause des Stuckaturarbeiters Schuhmann im Verein mit seiner Gattin, die er im September 1722 nach Dresden heimführte, zunächst mit seiner Dienerschaft religiöse Versammlungen. „In Dresden,“ so berichtet er selbst, „habe ich ohne Widerspruch meiner weltlichen und geistlichen Oberen alle Sonntage eine auch öffentliche Versammlung für Jedermann und bei offnen Thüren gehalten. Das Singulare dabei war nur, daß ich ein Prediger war, der aus Gehorsam gegen seine Eltern einen Degen trug und auf die Regierung ging. Der liebe Superintendent zu Dresden D. Löscher hatte deswegen ein christliches Mitleiden mit meiner unterdrückten Gabe und ließ mich machen.“ Dabei hielt er sich von den Lustbarkeiten, an denen der Hof Augusts des Starken überreich war, zurück und konnte selbst bei Einladungen, wenn er etwa Schmähungen oder lose Reden über den hörte, der seine „einzige Passion“ war, höchst unangenehm werden. Die Konventikel übrigens wurden immer länger ausgedehnt und dauerten bald von 3–7 Uhr. Da besprach man sich, erzählt er, nach Gelegenheit eines aus dem neuen Testament gelesenen Kapitels vertraulich, man betete, es ward ein Lied gesungen. „Wir sind im Herrn vergnügt und so einfältig wie die Kinderchen, jung und alt beisammen. Diejenigen, die noch unter uns gelehrt sein wollen, tragen wir mit Geduld.“ Sein Ansehn als Laienprediger wuchs, wer ein Anliegen hatte, kam zu ihm oder zu seiner Gemahlin; bald war er mit allerhand Geschäften im Dienst seiner Anhänger überhäuft."
- "Gegen Ende 1723 mochten die Zusammenkünfte am Kohlmarkt zur Kenntniß des Superintendenten gekommen sein. Er hielt es für seine Pflicht, die Sache untersuchen zu lassen. Schon 1714 und 1715 hatte er mit Konventikeln zu thun gehabt: vor dem Pirnaischen Thore waren religiöse Versammlungen ohne Geistliche gehalten worden; auch hatte die Generalin von Hallard auf der Borngasse, eine spätere Anhängerin Zinzendorfs, von der er sagte: „ihr Herz brannte, Lettland selig zu machen,“ täglich zwei öffentliche Betstunden gehalten. Als Gegner pietistischen Wesens stand Löscher auch diesmal auf der Wacht. Im Januar 1724 frug er bei dem damaligen Pfarrer von „Altendresden“ M. Hilscher amtlich an, ob der Graf von Zinzendorf conventus religiosos mit allerhand Leuten halte.“ Hilscher antwortete am 2. Februar: „Ich habe deshalben bishero fleißige Nachfrage gehalten, weiter aber nichts in Erfahrung bringen können, als daß er gegen Abend mit seinen Domesticis seine Hausandacht halten sollte, wie ich denn auch, als er kurz hierhergekommen, bei meinem Zuspruch ihm zu verstehen gegeben, daß, wenn außer seinen Leuten jemand von unsern Zuhörern bei seinen Betstunden sollte admittiret werden, es leicht geschehen könnte, daß über mehreres als etwa vorginge, davon möchte geredet werden, überhaupt aber, wenn es publique würde, desselben Inhibition geschehen dürfte; da er denn sich so viel merken lassen, daß er blos seine Hausandacht fortsetzen wollte. Unterdessen kommt er jezuweilen Sonntags in die Predigt, wie er denn eine eigene Emporkirche oder Betstübchen inne hat, auch sich sodann bei dem Gottesdienst gar andächtig bezeiget.“ Die Folge war, daß der Graf sich befliß, seinen Versammlungen den privaten Charakter zu wahren. Sie seien zunächst für seine Hausgenossen, ließ er sagen, wer sonst komme, sei ihm angenehm, niemand aber möge sich vorher anmelden, „denn es könnte leicht sein, daß etwas geredet würde.“
- "So ließ ihn denn Löscher „machen“. Ein Zwischenfall im Jahre 1725 schien indeß den Superintendenten etwas zu erkälten. Eine Gichtelianerin, Glied einer zweideutigen Sekte, war in Dresden gestorben und sollte als Kirchen- und Abendmahlsverächterin „auf dem [32] Anger“ begraben werden. Sofort erhob sich der Graf, beschwerte sich bei dem Minister und schrieb an Löscher einen scharfen Brief: man möge die Anordnung aufheben, oder er werde die Sache zu seiner eignen machen. Mag er seinen Zweck erreicht haben oder nicht; genug daß Zinzendorf für Gichtelianer eintrat, mußte den Superintendenten stutzig machen. Fortan wachte er noch eifriger über Zinzendorfs Treiben und sandte am 12. und 17. Dezember 1716 junge Leute unmittelbar in die Konventikel am Kohlmarkt. Die Sendboten berichteten von einem großen Saal, von vielen Bänken und Stühlen, von 50, ja 100 Andächtigen, von Gesang mit Positivbegleitung, von anderthalbstündigen Reden des Grafen, in denen er unter anderem ziemlich frei auf Pfarrer, Kirchengehen und officielles Kirchenthum schalt. Diese Aussagen nahm Löscher zu Protokoll, griff aber nicht ein, da andere Dinge wieder für Zinzendorf sprachen. Hatte doch der Graf noch 1725 einen Auszug aus Löschers Katechismus in Druck gegeben, vielleicht um den gestrengen Herrn zu beschwichtigen, hatte er sich doch dazu durch seine hier entstandenen Lieder, z. B. „Jesu geh voran“ viele Freunde erworben."
- "Auf die Dauer, das fühlte er selbst, war Dresden kein Aufenthalt für Zinzendorf. Sein Amt führte er immer lässiger, Monate lang war er auf Reisen. Im Jahre 1728 verließ er die Residenz für immer, am 12. September 1731 reichte er sein französisch geschriebenes Abschiedsgesuch ein, am 8. März 1732 legte er sein Amt mit einer feierlichen Rede nieder. Noch einmal weilte er am 28. April 1751 zu flüchtigem Aufenthalt in seiner Geburtsstadt. - Pastor Franz Blanckmeister."[9]
[Bearbeiten] Hervorragende Persönlichkeiten in Dresden und ihre Wohnungen (1918)
- [71] Nr. 85. v. Zinzendorff, Nikolaus Ludwig, Graf, 1700–1760, Gründer Herrnhuts, Stifter der „evangelischen Brüderunität“, hervorragender Dichter von geistlichen Liedern und überaus tatkräftiger Förderer des Missionswerkes. Sein Vater, der Geh. Rat George Ludwig Graf v. Zinzendorff, besaß in Dresden zwei Grundstücke. An der Langen Gasse, seit 1892 Zinzendorfstraße, lag der Seite 26 bereits erwähnte Zinzendorff'sche Garten mit einem ganz einfachen kleinen Wohnhause, in dem die Familie wohl die Sommermonate zu verleben pflegte. Die [72] eigentliche Wohnung befand sich in dem Gebäude jetzt Scheffelstraße 9 (O.-Nr. 570), das vom Geh. Rat 1696 angekauft worden war und nach seinem Tode noch bis 1705 im Besitz der Familie verblieb. Höchstwahrscheinlich ist in diesem, aber nicht in dem ersterwähnten Landhäuschen der Gründer der Brüdergemeinde am 26. Mai 1700 geboren worden, von den späteren Eigentümern des Gebäudes Scheffelstraße 9, die es auch bewohnt haben, seien nur der Oberfalkonier Graf Friedrich Vitzthum v. Eckstädt (s. Nr. 42) und die Gräfin Friederike Alexandrine Mosczynska, geb. v. Cosel, genannt (s. Nr. 94), die das Grundstück 1729 erkaufte und acht Jahre später das an der Webergasse jetzt 10 (O.-Nr. 560) gelegene Haus dazu erwarb. Ihre Erben haben das Doppelhaus bis 1793 besessen. 1825 wurde auf Kosten des Königs von den Erben des Oberkammerherrn v. Friesen das Grundstück angekauft und das an der Scheffelstraße stehende Gebäude dem Polizeikollegium überwiesen, das es bis 1845 benutzte. In diesem Jahre ging das Grundstück in den Besitz der Stadtgemeinde über, die aber später das an der Webergasse befindliche Haus wieder veräußerte. In dem Gebäude Scheffelstraße 9 sind schon lange verschiedene städtische Behörden untergebracht."
- "Nur die ersten Kindheitsjahre hat Z. in Dresden verlebt, dann kam er in die Lausitz zu seiner frommen und gelehrten Großmutter, in seinem zehnten Lebensjahre in das Halle'sche Waisenhaus zu A. H. Franke, der sich des Knaben besonders annahm. Nachdem er in Wittenberg die Rechte studiert und seine Ausbildung vollendet hatte, kehrte er 1721 nach Dresden zurück, trat hier auf Wunsch seiner Angehörigen als Hof- und Justizrat bei der Landesregierung ein und verheiratete sich im nächsten Jahre. Seine Wohnung befand sich in der Neustadt am Kohlmarkt, jetzt Körnerstraße, im Hause des Stuckaturarbeiters Schuhmann. Leider ließ sich nicht feststellen, welche Hausnummer das Gebäude jetzt trägt, da für die Neustadt Geschoßbücherauszüge und Verzeichnisse der Hausbesitzer noch fehlen."
- "Während seiner hiesigen siebenjährigen rechtswissenschaftlichen Tätigkeit, die ihm aber gar nicht behagte, folgte Graf Z. seinen tiefreligiösen Neigungen und veranstaltete in seinem Hause, wie er selbst berichtet, „zunächst mit seiner Dienerschaft, bald aber auch für jedermann und bei offenen Türen ohne Widerspruch seiner weltlichen und geistlichen Oberen alle Sonntage eine öffentliche Versammlung“, bei der ein neutestamentlicher Abschnitt vorgelesen und von Z. besprochen, aber auch gebetet und gesungen wurde. Hatte ja der Graf in Dresden dazu Lieder gedichtet, wie z. B. das herrliche „Jesu, geh voran auf der Lebensbahn“. Zwar fand sich der Superintendent Löscher zweimal veranlaßt, sich eingehender um die immer zahlreich besuchten religiösen Versammlungen in der Wohnung Z's. zu kümmern und sie später auch zu überwachen, aber zu einem amtlichen Verbot dieser sonntäglichen Tätigkeit des Laienpredigers kam es nicht."
- "Als letzterer 1728 für immer von Dresden schied, widmete er sich bald darauf ausschließlich theologischen Studien und ließ sich 1734 in den geistlichen Stand aufnehmen. Unermüdlich und opferfreudig war [73] er nun dafür tätig, durch Vorträge und Schriften daheim und auf zahlreichen Reisen die Ausbreitung des Reiches Gottes zu fördern. Reicher Segen ruhte auf seiner Arbeit, die ein Werk geschaffen, das sich im Laufe der Zeit immer herrlicher entwickelt hat. – Neun Jahre vor seinem Heimgange ist Graf Z. zu kurzem Besuche nochmals in Dresden gewesen, doch ließ sich nicht ermitteln, wo er damals hier gewohnt hat. – Zum Schlusse möge nicht unerwähnt bleiben, daß seit 1907 das Andenken an diesen treuen Gottesmann in besonderer Weise auch in seiner Geburtsstadt dauernd wacherhalten wird. An dem der Eliasstraße zugekehrten Giebel der neuen Kirche des Ehrlich'schen Gestifts ist das aus Sandstein gemeißelte Standbild Z's. aufgestellt."[10]
[Bearbeiten] Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869
- Die Brüdergemeinde zählte in Dresden seit etwa 1721 eine nicht kleine Anzahl von Mitgliedern. Am 22. October 1721 kam der Graf v. Zinzendorf nach Dresden und trat das Amt eines Hof= und Justizrathes an. Nach seinem eignen Bekenntniß hatte er sich vorgenommen, seine Amtsgeschäfte in Dresden gleichsam hintan zu setzen, und seine Zeit in Dresden darauf zu verwenden, seinen Collegen, Freunden, Verwandten und Jedermann, welche ihn anhören wollten, Geistlichen und Weltlichen, ja gar den Gichtelianern und Separatisten das Verdienst seines lieben Heilandes und die Seligkeit Seiner Liebe schmackhaft zu machen. Ohne Widerspruch der geistlichen und weltlichen Oberen hielt der Graf nun bei offenen Thüren alle Sonntage von 3–7 Uhr öffentliche Versammlung für Jedermann. Es wurde ein Lied gesungen, man betete und unterhielt sich freundschaftlich über Stellen der heiligen Schrift, oder es wurden sonstige erbauliche Unterredungen gepflogen. Der Graf schreibt davon: „Wir sind [6][11] vergnügt im Herrn und so herzvertraulich wie die Kinder, jung und alt beisammen“. Aus Gehorsam gegen seine Aeltern bekleidete der Graf ein öffentliches Amt und mußte nach damaliger Sitte einen Degen tragen; doch lebte er ganz der Verkündigung des Evangeliums. Er unterhielt Umgang mit einer Gesellschaft von solchen, welche sich nicht zur Kirche hielten, auch sonst wunderliche Ideen hegten und seine Arbeit an ihnen war eine so gesegnete, daß viele wieder zur Kirche kamen und von ihren Verirrungen abließen. Natürlich konnte es an mancherlei Täuschungen nicht fehlen und es mußte eine größere Vorsicht beim Halten der Versammlungen, Beschränkung der Theilnehmerzahl stattfinden, damit nicht unredliche Menschen sich hinzudrängten. Auch später nach des Grafen Wegzug blieben die Versammlungen der Brüdergemeinde. Während die Gichtelianer und Separatisten in Dresden sich von der Kirche lossagten und ihr Abendmahl unter sich feierten, hielt die Brüdergemeinde ihre Versammlungen nach dem Grundsatze, daß dieselben keinerlei Unordnungen erzeugen dürften, vielmehr den öffentlichen Gottesdiensten förderlich sein müßten. Die Mitglieder der Privaterbauungsstunden sollen mit göttlichem Leben und Wandel als treue, fleißige, religiöse Leute hervorleuchten. Nach dem Bombardement Dresdens 1760 zogen die meisten Glieder der Gemeinde nach Herrnhut, Berthelsdorf und anderen Orten und allmählich erst fand sich die Brüdergemeinde wieder zusammen. In ihr sammelten sich die stillen, redlichen Seelen. Mancherlei innere, wie äußere Kämpfe waren zu bestehen, zur Rechten und Linken hatten sie Gegner. Für die einen waren sie die Frommen, die Pietisten; die Andern streng Confessionellen hatten ihre Bedenken gegen manche Abweichungen von der Kirchenlehre und äußerten dies zuweilen in allzu schroffer, liebloser Weise. So hatte sich besonders in dem Jahre 1818 P. Stephan von der böhmischen Gemeinde sehr hart gegen sie ausgesprochen, während der Diaconus Leonhardi an der Kreuzkirche in freundlichem Verkehr mit ihnen stand. An der Spitze der Herrnhuter Diaspora standen ums Jahr 1819 der Lederhändler Götze und der Weinhändler Löschcke. Götze hielt die öffentlichen Betstunden am Sonntag; Mittwoch und Freitag hatten nur Mitglieder Zutritt. In den Sonntagsversammlungen, an welchen viele Leute Theil nahmen, hielten zuweilen durchreisende [7][12] Missionare der Brüdergemeinde Vorträge, auch las man Missionsberichte und pflegte so das Missionsinteresse.
[Bearbeiten] Die Diaspora Dresden zur Zeit Zinzendorfs: 1727 bis 1760
1739 versammelten sich die Geschwister in der Wohnung des Geheimen Kriegsrathes und Kirchenlieddichters Wolf Caspar Abraham von Gersdorff (1704 bis 1784)[13], einem weitläufigen Verwandten des Grafen von Zinzendorff aus der Familie seines Großvaters. Wolf Caspar Abraham von Gersdorff war 1738 noch nicht in Dresden verzeichnet[14] und wohnte 1740 in der Neustadt beym Herrn Geheim=Caemerer Rudolphen[15]. Das Haus von J.(ohann) Sim.(on) Rudolph [16] wird am Jaegerhof vermutet[17]. Er war 1738 ebenfalls noch nicht in Dresden verzeichnet.[18] Es war die Zeit der Bedrängnis seitens der Obrigkeit, und dennoch wuchs die Zahl der Teilnehmer an den Betstunden binnen Jahresfrist von sechs Frauen und drei Männern auf bis zu 48 Personen.
Wolf Caspar Abraham von Gersdorff[19] hatte zu diesem Zeitpunkt bereits drei Kinder: Eleonore Katharina Sophie von Gersdorff (1732-1787), Friederike Albertine von Gersdorff (1736-1806) und Adolf Friedrich Abraham von Gersdorff (1739-1810)[20]
Der Nachlaß von Wolf Caspar Abraham von Gersdorf befindet sich im Archiv der Evangelischen Brüder-Unität in Herrnhut[21], so auch ein Brief an ihn und Sophie von Gersdorff aus dem Jahre 1764[22]. Eine Akte über seine Vermögensverhältnisse von 1738 bis 1754 verwahrt das Sächsische Staatsarchiv[23].
Nachdem der Adlige von Gersdorf Dresden Ende 1740 oder Anfang 1741 verlassen hatte, fand die Gemeinschaft bei dem Schneidermeister Johann Georg Kühne zusammen, der sich daraufhin auch zu ihrem Führer und geistigen Fürsprecher entwickelte. Die Sonntagsandachten wurden ganz bewußt erst am Nachmittag vier Uhr durchgeführt - lange nach beendetem Gottesdienste. Hierbei wurde auch die in der Kirche gehörten Predigt wiederholt und das Sonntagsevangelium durch Parallelstellen aus der Bibel tiefer gehend erläutert. Zinzendorfs Lieder sang man nicht nur am Sonntag, sondern auch bei weiteren Zusammenkünften Montags und Dienstags in der Dämmerung. Trotz aller Vorsicht und einem Bekenntnis zur lutherischen Kirche bekam Kühne als Nichtadliger und auch durch kein hohes Hofamt geschützt Probleme mit der Städtischen Kommission, vor der er sich am 14. Mai 1741 verteidigen mußte. Am 28. August 1744 erging der letztinstanzliche Bescheid, dass er zu seinen Hausandachten familienfremde Personen nicht zulassen und die Heilige Schrift nicht nach eigenem Gutdünken auslegen dürfe.
Die Geschwister versammelten sich daraufhin in aller Stille bei ihrem Mitbruder Weiß und kurz darauf bei einem anderen Schneidermeister[24]. Erst die erlaubte Rückkehr Zinzendorfs nach Sachsen im Jahre 1747 beendete die Nachstellungen seitens der kirchlichen und staatlichen Behörden, worauf sich die Versammlung wieder so sehr vergrößert, dass sogar eine Sozietät in Dresden gebildet werden konnte.
Zinzendorf starb am 9. Mai 1760 in Herrnhut. Er mußte das Bombardement von Dresden und die Flucht vieler Geschwister von diesem Ort des Anfanges seiner Versammlungen nicht mehr miterleben.
[Bearbeiten] Literatur
[Bearbeiten] Anmerkungen
- ↑ Georg Ludwig (Reichs-) Graf von Zinzendorf und Pottendorf (geb. 8. Oktober 1662 in Nürnberg, gest. 9. Juni 1700 in Dresden. Sohn von Graf Maximillian Erasmus von Zinzendorf und Pottendorf (geb. 29. Juni 1633 in Wien, gest. 21. Juni 1673 in Nürnberg) und Freiin Anna Amalie von Dietrichstein-Hollenburg (geb. 20. Oktober 1638 in Nürnberg, gest. 15. August 1696 in Nürnberg).
- ↑ Charlotte Justine von Gersdorff (1675–1763). Tochter von Nikolaus von Gersdorff (9. Juni 1629 bis 23. August 1702) und Henriette Catharina von Gersdorff, geb von Friesen (1648–1726). Schwester von Freiin Johanna Eleonore von Gersdorff a.d.H. Baruth (1681 bis nach 2.3. 1702 und vor 1706 in Dresden) und Rahel von Burgsdorff, Freiin von Gersdorff (6. 9. 1683 in Dresden bis 6.12. 1751 in Lübben, Ehefrau von Georg Christof von Burgsdorff, 1671 bis 1743 in Lübben). Tante von Henriette Sophie von Burgsdorff (von Gersdorff), geb. etwa Februar 1702 in Dresden, gest. etwa Mai 1743 in Dresden, Tochter von Freiherr Gottlob Ehrenreich von Gersdorff auf Weichau und Johanna Eleonore (verheiratet nach 10. August 1699), Ehemann von Carl Gottlob von Burgsdorff, geb. 1708 .
- ↑ Kurfürsten Johann Georg III. von Sachsen: * 20. Juni/ 30. Juni 1647 in Dresden; † 12. September/ 22. September 1691 in Tübingen
- ↑ Henriette Catharina von Gersdorff: geborene von Friesen (*6. Oktober 1648 in Sulzbach; † 6. März 1726 in Großhennersdorf)
- ↑ Nicolaus Freiherrn von Gersdorff, geb. 9. Juni 1629 in Doberschütz, gest. 23. August 1702 in Dresden. Sohn des kaiserlichen Rates Nicol (Nicolai, Nikol I.) von Gersdorff (gest. 1648) und Anna Maria von Gersdorff geb. von Loeben (1595 bis 1654). Enkel von Friedrich von Gersdorff (gest. 1606), verheiratet mit Margarete von Metzradt, und von Melchior von Loeben (gest. 1636), verheiratet mit Margarete von Kosel (1579 bis 1637).
- ↑ Henriette Catharina von Gersdorff übernahm die Druckkosten für folgende Übersetzungen von Michał Frencel, Pfarrer in Großpostwitz bei Bautzen, in den Bautzner Dialekt des Sorbischen: Römer- und Galaterbrief (1693), Der Psalter Des Königlichen Propheten Davids. Budissin 1703 (Digitalisat) und Das Neue Testament Unsers Herrn Jesu Christi / in die Oberlausitzsche Wendische Sprache. Zittau 1706 (Digitalisat) - Jahrzehnte zuvor waren vom gleichen Übersetzer auf Eigeninitiative zwei Evangelien erschienen: S. Matthaeus und S. Marcus / Wie auch Die drey allgemeinen Haupt-Symbola. Budissin 1670 (Digitalisat) Behindert wurde Frencels Arbeit, weil die sächsischen Stände seine Manuskripte konfiszieren ließen und den Druck des Neuen Testaments auf Sorbisch verboten hatten.
- ↑ Geistreiche Lieder und poetische Betrachtungen. Hrsg. v. Paul Anton, Waisenhaus, Halle 1729. (Nachdruck: Wald, Karben 1998, ISBN 3-932065-93-X).
- ↑ Nach anderer Quelle am 1. Dezember 1704.
- ↑ Pastor Franz Blanckmeister: "Zinzendorf in Dresden". In: Dresdner Geschichtsblätter Band 1 (1892 bis 1896), S. 30-32 (1892).
- ↑ Adolf Hantzsch: "Nikolaus Ludwig von Zinzendorff". In: "Hervorragende Persönlichkeiten in Dresden und ihre Wohnungen". (= Mitteilungen des Vereins für Geschichte Dresdens. Heft 25), Lehmannsche Buchdruckerei und Verlagsbuchhandlung, Dresden 1918, S. 71-73.
- ↑ Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869, S. 6.
- ↑ Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869, S. 7
- ↑ Gersdorff, Wolf Caspar Abraham von bei Deutsche Biographie.
- ↑ Adressbuch von 1738/G.
- ↑ Adressbuch von 1740/G.
- ↑ Adressbuch von 1740.
- ↑ Adressbuch von 1740/R.
- ↑ Adreßbuch von 1738/R.
- ↑ Sohn von Wolf Kaspar von Gersdorff (1655-1705), Enkel von Erasmus von Gersdorff (1619 bis 1660), Urenkel von Abraham von Gersdorff (1582 bis 1636) und Bruder von Albertine Dorothea Elisabeth von Gersdorff (1691-1721, verheiratet von Kreckwitz) und Johann Gottlob von Gersdorff (1698-1714); GEDBAS: Nachkommen von Abraham VON GERSDORFF.
- ↑ Ein weiteres Kind, Anna Dorothea von Gersdorff, wurde 1751 noch recht spät geboren und verstarb 1757 noch als Kind.
- ↑ Nachlaß Wolf Caspar Abraham von Gersdorf/ Archiv der Evangelischen Brüder-Unität <Herrnhut> bei Kalliope-Verbund.
- ↑ Brief von Johann Beckmann an Wolf Caspar Abraham von Gersdorff und Sophie Gersdorf/ Archiv der Evangelischen Brüder-Unität <Herrnhut> bei Kalliope-Verbund
- ↑ Sächsisches Staatsarchiv, Bestand 10025: Geheimes Konsilium, Teil 097: Schulden - 097.04 Korporationen, Städte und Private (alphabetisch nach Schuldnern bzw. anderen Beteiligten), Loc. 05587/04: Des Geheimen Kriegsrats Wolf Caspar Abrahams von Gersdorff Schuldwesen (1738 bis 1754).
- ↑ Schneidermeister Käulfuß?