Johann Georg Kühne
Bei dem Dresdner Schneidermeister Johann Georg Kühne fanden seit Ende 1740 bis zum amtlichen Verbot am 28. August 1744 die Versammlungen der Herrnhuter Brüdergemeine Dresden statt.
Nachdem der Adlige Wolf Caspar Abraham von Gersdorff Dresden Ende 1740 verlassen hatte, fand die Gemeinschaft bei dem Schneidermeister Johann Georg Kühne zusammen, der sich daraufhin auch zu ihrem Führer und geistigen Fürsprecher entwickelte. Die Sonntagsandachten wurden ganz bewußt erst am Nachmittag vier Uhr durchgeführt - lange nach beendetem Gottesdienste. Hierbei wurde auch die in der Kirche gehörten Predigt wiederholt und das Sonntagsevangelium durch Parallelstellen aus der Bibel tiefer gehend erläutert. Zinzendorfs Lieder sang man nicht nur am Sonntag, sondern auch bei weiteren Zusammenkünften Montags und Dienstags in der Dämmerung. Trotz aller Vorsicht und einem Bekenntnis zur lutherischen Kirche bekam Kühne als Nichtadliger und auch durch kein hohes Hofamt geschützt Probleme mit der Städtischen Kommission, vor der er sich am 14. Mai 1741 verteidigen mußte. Am 28. August 1744 erging der letztinstanzliche Bescheid, dass er zu seinen Hausandachten familienfremde Personen nicht zulassen und die Heilige Schrift nicht nach eigenem Gutdünken auslegen dürfe.
Die Geschwister versammelten sich daraufhin in aller Stille bei ihrem Mitbruder Weiß und kurz darauf bei dem Schneidermeister Johann Gottlieb Kaulfuß (auch Käulfuß). Erst die erlaubte Rückkehr Zinzendorfs nach Sachsen im Jahre 1747 beendete die Nachstellungen seitens der kirchlichen und staatlichen Behörden, worauf sich die Versammlung wieder so sehr vergrößert, dass sogar eine Sozietät in Dresden gebildet werden konnte.
[Bearbeiten] Quelle
- "[113] Nachdem Gersdorf von Dresden verzogen war, wurde ein schlichter Handwerker, der Schneidermeister Johann Georg Kühne, ihr Führer. Die Andachten am Sonntag Nachmittag vier Uhr nach beendetem Gottesdienste bestanden in Gesang, Schriftverlesung, Wiederholung der in der Kirche gehörten Predigt und Erklärung des Textes durch andere Sprüche der Heiligen Schrift. Außerdem kam man Montags und Dienstags in der Dämmerung zusammen und sang Zinzendorfs Lieder. Kühne, dem man vorwarf, daß er sich besonderer Geistesgaben rühme, geriet wegen dieser Versammlungen mit den Behörden in Streit. Er verteidigte sich mannhaft. In seiner Ein- [114] gabe vom 14. Mai 1741 an die städtische Kommission berief er sich zu seiner Rechtfertigung auf die Bibel, auf Luthers Schriften und auf das Recht und die Pflicht eines jeden Christen, seinen Nächsten aus Gottes Wort zu belehren und zu ermahnen. Er hätte es längst gern gesehen, daß ein Geistlicher zu ihnen käme. Die öffentlichen Gottesdienste würden nicht versäumt, vielmehr jeder dazu angehalten. Auch an den Kurfürsten wendete er sich. Trotzdem empfing er am 28. August 1744 den endgültigen Bescheid, daß er sich zwar mit den Seinen im Christentum erbauen dürfe, daß er aber zu seiner Hausandacht Freunde oder zur Familie nicht gehörige Personen nicht zulassen dürfe; auch dürfe er sich nicht anmaßen, die Heilige Schrift nach eigenem Gutdünken auszulegen. Er ließ sich zunächst nicht einschüchtern. Noch am 3. April 1744 rief er aus: „Wir wagen es doch auf den lieben Heiland!" Schließlich fügte er sich. „Ich gäbe meinen Rock hin", schrieb er, „zuletzt auch meinen Leib, aber meine Frau hält mich, daß ich nicht kann." Desungeachtet hatten die Erbauungsstunden in der Stille ihren Fortgang, zuerst bei einem Bruder Weiß, später bei einem Schneidermeister Kaulfuß. Die günstige Wendung, die die Verhältnisse Zinzendorfs nach seiner Rückkehr nahmen, kamen seinen Anhängern in Dresden zugute. Sie wurden von den Behörden nicht mehr behelligt, ihr Kreis vergrößerte sich mehr und mehr, und es konnte eine Sozietät gebildet werden."
- Zit. n.: Otto Steinecke (* 1855): Die Diaspora der Brüdergemeine in Deutschland. Ein Beitrag zu der Geschichte der evangelischen Kirche Deutschlands, Bernhard Mühlmann's Verlagsbuchhandlung, Erster Teil, Halle 1905, S. 113f.