Herrnhuter Brüdergemeine Dresden

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Kirche der Herrnhuter Brüdergemeine in Dresden
Herrnhuter Stern am Zugang zur Kirche an der Oschatzer Straße.

Die Herrnhuter Brüdergemeine Dresden in der Oschatzer Straße 41 in Pieschen ist eine Gemeinde der Herrnhuter Brüdergemeine mit etwa 300 Mitgliedern in Dresden und weiterer Umgebung. Die Gemeindekirche steht von der Straße aus unauffällig auf dem Hof, das dazugehörige Wohnhaus beherbergt den Pfarrer mit seiner Familie sowie weitere Gemeindemitglieder. Den Eingang an der Straße ziert ein Original Herrnhuter Stern.

Ihre Selbstvorstellung lautet:

Die heutige Gemeinde in Dresden gründete sich 1904. Ihren eigenen Kirchensaal in Pieschen hat sie seit 1979.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Zinzendorf in Dresden: die Urgemeinde ab 1721 bis 1726

[Bearbeiten] Vorbild: vom Pietismus geprägte Gemeinde in Reuß-Ebersdorf von Anfang 1721

Ein Vorbild seiner eigenen Gemeinschaft in Dresden hatte Zinzendorf bei seinem Freund Heinrich XXIX. von Reuß-Ebersdorf (jüngere Linie) gefunden:

Heinrich war der Sohn des Grafen Heinrich X. Reuß zu Ebersdorf und dessen Frau Erdmuthe Benigna zu Solms-Laubach. 1716 wurde er von dieser zum Studium nach Halle geschickt, dem Zentrum des Pietismus unter August Hermann Francke. 1719 begegnete er erstmals Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf in Amsterdam und dann in Paris, mit dem ihn seitdem eine enge Freundschaft verband, die vor allem brieflich gepflegt wurde.

1720 begann Heinrich XXIX. die Regentschaft in Ebersdorf. Er stellte 1721 den Magister Heinrich Schubert als Hofprediger ein, ein Mann der Hallischen Ökonomie, der mit August Hermann Francke einen besonders nahen Umgang pflegte. Unter diesem bildete sich eine vom Pietismus geprägte Gemeinde, wobei am Hofe eine große Erweckung entstand. Zinzendorf war von ihrer Frömmigkeit tief beeindruckt und wurde durch sie zur Bildung seiner Herrnhuter Brüdergemeine angeregt - und zuvor seiner Dresdner Gemeinschaft.[2][3][4]

Heinrich XXIX. heiratete am 7. September 1721 in Castell Sophie Theodora (* 12. Mai 1703 in Castell; † 8. Januar 1777 in Herrnhut), Tochter des Grafen Wolfgang Dietrich zu Castell-Remlingen und der Gräfin Dorothea Renata von Zinzendorf. Bei dieser Hochzeit lernten sich auch Zinzendorf und Heinrichs Schwester Erdmuthe Dorothea kennen, die genau ein Jahr später heirateten.

[Bearbeiten] 22. Oktober 1721: Zinzendorf in Dresden

Graf Zinzendorf kam nach seinen Studien am 22. Oktober 1721 als Justizrat nach Dresden zurück und hielt religiöse Zusammenkünfte zunächst für seine Hausgenossen ab, verschloß aber keinem die Tür. Er wohnte am Kohlmarkt im Hause des Stuckaturarbeiters Schuhmann. Bald versammelten sich in seiner Wohnung 50 oder gar 100 mit Bibel und Gesangbuch versehene Personen. Ihr Gesang wurde von einem Diener auf dem Klavier begleitet. Bei jeder Versammlung legte Graf Zinzendorf eine Stelle aus der Bibel aus.

Die Brüdergemeinde zählte in Dresden seit etwa 1721 eine nicht kleine Anzahl von Mitgliedern. Am 22. October 1721 kam der Graf v. Zinzendorf nach Dresden und trat das Amt eines Hof= und Justizrathes an. Nach seinem eignen Bekenntniß hatte er sich vorgenommen, seine Amtsgeschäfte in Dresden gleichsam hintan zu setzen, und seine Zeit in Dresden darauf zu verwenden, seinen Collegen, Freunden, Verwandten und Jedermann, welche ihn anhören wollten, Geistlichen und Weltlichen, ja gar den Gichtelianern und Separatisten das Verdienst seines lieben Heilandes und die Seligkeit Seiner Liebe schmackhaft zu machen. Ohne Widerspruch der geistlichen und weltlichen Oberen hielt der Graf nun bei offenen Thüren alle Sonntage von 3–7 Uhr öffentliche Versammlung für Jedermann. Es wurde ein Lied gesungen, man betete und unterhielt sich freundschaftlich über Stellen der heiligen Schrift, oder es wurden sonstige erbauliche Unterredungen gepflogen. Der Graf schreibt davon: „Wir sind [6][5] vergnügt im Herrn und so herzvertraulich wie die Kinder, jung und alt beisammen“. Aus Gehorsam gegen seine Aeltern bekleidete der Graf ein öffentliches Amt und mußte nach damaliger Sitte einen Degen tragen; doch lebte er ganz der Verkündigung des Evangeliums. Er unterhielt Umgang mit einer Gesellschaft von solchen, welche sich nicht zur Kirche hielten, auch sonst wunderliche Ideen hegten und seine Arbeit an ihnen war eine so gesegnete, daß viele wieder zur Kirche kamen und von ihren Verirrungen abließen. Natürlich konnte es an mancherlei Täuschungen nicht fehlen und es mußte eine größere Vorsicht beim Halten der Versammlungen, Beschränkung der Theilnehmerzahl stattfinden, damit nicht unredliche Menschen sich hinzudrängten.[6]

[Bearbeiten] 30. Dezember 1726: Kurfürstliches Verbot der Versammlungen

Am 30. Dezember 1726 kam ein kurfürstliches Verbot dieser Hausversammlung. Der kurfürstliche Befehl lautete, "solche an sich unzulässige Conventus sofort gänzlich einzustellen". Sicherlich ist dies darauf zurückzuführen, daß der damalige evangelische Superintendent von Dresden, Valentin Ernst Löscher 12. Dezember und 17. Dezember 1726 die Konventikel am Kohlmarkt heimlich visitieren ließ. Im Ergebnis stellte sich heraus, daß Zinzendorfs Kirchentreue von seiner Kritik an der evangelischen Kirche übertroffen wurde. Weder der Superintendent noch der Rat wagten sich aber, gegen ihn vorzugehen, und überließen dies dem Kurfürsten. Bald darauf ging Graf Zinzendorf monatelang auf Reisen und verließ die Stadt. 1728 verließ er Dresden für ständig. Aber der einmal von ihm ausgestreute Same ging dennoch nicht unter. Es folgte ein intensiver persönlicher und schriftlicher Austausch zwischen Herrnhut und Dresden. Schließlich wurde etliche Mitglieder dieses ersten Hauskreises in die Brüdergemeine aufgenommen.

[Bearbeiten] Dresdner Geschichtsblätter (1892)

[Bearbeiten] Hervorragende Persönlichkeiten in Dresden und ihre Wohnungen (1918)

[Bearbeiten] Die Diaspora Dresden zur Zeit Zinzendorfs: 1727 bis 1760

Um die Verbindungen in der Diaspora zu stärken, wurde mit einem intensiven Briefwechsel begonnen, der den Brüdern in Herrnhut allein 1728 160 Taler Postgeld kostete. Am 13. April 1728 wurde von Herrnhut ein Schreiben nach Dresden abgeschickt - gleichen Tages gingen auch noch Schreiben nach Saalfeld, Lichtenstein und Lobenstein. Am 13. November 1728 begannen die Herrnhuter Brüder mit dem öffentlichen Brieflesen in ihren Versammlungen - "zur großen Erweckung aller Anwesenden".[9]

Hinzu kam die steigende Zahl an Missionaren in der Diasporaarbeit:[10]

1739 versammelten sich die Geschwister in der Wohnung des Geheimen Kriegsrathes und Kirchenlieddichters Wolf Caspar Abraham von Gersdorff (1704 bis 1784)[11], einem weitläufigen Verwandten des Grafen von Zinzendorff aus der Familie seines Großvaters. Wolf Caspar Abraham von Gersdorff war 1738 noch nicht in Dresden verzeichnet[12] und wohnte 1740 in der Neustadt beym Herrn Geheim=Caemerer Rudolphen[13]. Das Haus von J.(ohann) Sim.(on) Rudolph [14] wird am Jaegerhof vermutet[15]. Er war 1738 ebenfalls noch nicht in Dresden verzeichnet.[16] Es war die Zeit der Bedrängnis seitens der Obrigkeit, und dennoch wuchs die Zahl der Teilnehmer an den Betstunden binnen Jahresfrist von sechs Frauen und drei Männern auf bis zu 48 Personen.

Wolf Caspar Abraham von Gersdorff[17] hatte zu diesem Zeitpunkt bereits drei Kinder: Eleonore Katharina Sophie von Gersdorff (1732-1787), Friederike Albertine von Gersdorff (1736-1806) und Adolf Friedrich Abraham von Gersdorff (1739-1810)[18]

Der Nachlaß von Wolf Caspar Abraham von Gersdorf befindet sich im Archiv der Evangelischen Brüder-Unität in Herrnhut[19], so auch ein Brief an ihn und Sophie von Gersdorff aus dem Jahre 1764[20]. Eine Akte über seine Vermögensverhältnisse von 1738 bis 1754 verwahrt das Sächsische Staatsarchiv[21].

Nachdem der Adlige von Gersdorff Dresden Ende 1740 verlassen hatte, fand die Gemeinschaft bei dem Schneidermeister Johann Georg Kühne zusammen, der sich daraufhin auch zu ihrem Führer und geistigen Fürsprecher entwickelte. Die Sonntagsandachten wurden ganz bewußt erst am Nachmittag vier Uhr durchgeführt - lange nach beendetem Gottesdienste. Hierbei wurde auch die in der Kirche gehörten Predigt wiederholt und das Sonntagsevangelium durch Parallelstellen aus der Bibel tiefer gehend erläutert. Zinzendorfs Lieder sang man nicht nur am Sonntag, sondern auch bei weiteren Zusammenkünften Montags und Dienstags in der Dämmerung. Trotz aller Vorsicht und einem Bekenntnis zur lutherischen Kirche bekam Kühne als Nichtadliger und auch durch kein hohes Hofamt geschützt Probleme mit der Städtischen Kommission, vor der er sich am 14. Mai 1741 verteidigen mußte. Am 28. August 1744 erging der letztinstanzliche Bescheid, dass er zu seinen Hausandachten familienfremde Personen nicht zulassen und die Heilige Schrift nicht nach eigenem Gutdünken auslegen dürfe.

Die Geschwister versammelten sich daraufhin in aller Stille bei ihrem Mitbruder Weiß und kurz darauf bei dem Schneidermeister Johann Gottlieb Kaulfuß (auch Käulfuß). Erst die erlaubte Rückkehr Zinzendorfs nach Sachsen im Jahre 1747 beendete die Nachstellungen seitens der kirchlichen und staatlichen Behörden, worauf sich die Versammlung wieder so sehr vergrößert, dass sogar eine Sozietät in Dresden gebildet werden konnte.

Johann Gottlieb Kaulfuß heiratete 1748 in Prischwitz bei Bautzen Anna Rosiene, geb. Ziegenbalg (* 31. Dezember 1723 im Amt Stolpen). Diese kam um 1740 nach Wohlau bei Elster zur Freifrau von Döhler, welche für ihre Erziehung sorgte und sie in ihre Dienste nahm. Dort lernte sie den Schneidermeister Kaulfuß aus Dresden kennen, der für die Freifrau schneiderte. Um 1745 kam Anna Rosiene als Kindermädchen zur Frau von Sack nach Prischwitz, dessen Mann damals Hauptmann war. Durch Charlotte von Heynitz wurde sie bekehrt, worauf Johann Gottlieb von Kaulfuß um ihre Hand bei Frau von Sack anhielt. Nach der Hochzeit zog sie zu ihrem Mann nach Dresden. Ihr Haus wurde zum Mittelpunkt der Gemeine, wo auch die durchreisenden Geschwister wohnen konnten. Sie bekam mit Johann Gottlieb Kaulfuß fünf Kinder, von denen drei überlebten.[22]

Zinzendorf starb am 9. Mai 1760 in Herrnhut. Er mußte das preußische Bombardement von Dresden (13. Juli bis 22. Juli 1760) und die Flucht vieler Geschwister von diesem Ort des Anfanges seiner Versammlungen nicht mehr miterleben.

Auch Johann Gottlieb Kaulfuß starb 1760 noch vor dem preußischen Bombardement, das sein Haus verbrannte. Nur notwendig wieder darin eingerichtet, flüchtete Anna Rosiene Kaulfuß dann doch am 27. November 1760 zunächst nach Berthelsdorf. Nach der Hochzeit (1761) mit dem Bruder Böhlo erhielt sie 1764 die Erlaubnis, mit ihm zusammen ein Haus direkt in Herrnhut zu bauen.[23]

Von 1755 (63.209 Einwohner) bis 1772 (44.760 Einwohner) verlor Dresden durch die Auswirkungen des Siebenjährigen Krieges rund 18.500 Bürger.

Mit dem Wegzug von Anna Rosiene Kaulfuß verlor die Brüdergemeine Dresden ihr Zentrum. 1776 hatte die Gemeine nur noch 18 Mitglieder, zu dieser Zeit wie andernorts auch als "Häuflein" bezeichnet.

[Bearbeiten] Die Sozietät Dresden der Herrnhuter Brüdergemeine von 1760 bis 1800

Infolge des Bombardements von Dresden 1760 zerstreute sich die Sozietät, viele siedelten sich am Hutberg, in Berthelsdorf oder anderen herrnhutischen Orten an. So stieg die Einwohnerzahl von Berthelsdorf von 1757 bis 1764 um 83 Personen, darunter viele Flüchtlinge aus Dresden. Die Bleibenden brauchten eine Zeit der Neusammlung, schlossen sich dann aber um so enger zusammen, trafen sich fast allabendlich, lasen in der Bibel und in den Nachrichten aus der Brüdergemeine.

Zu den Brüdern zählten der angesehene Weinhändler Peyer und sein Geschäftsführer Friedrich Muster. Der Schuhmachermeister Götz stellte das Versammlungszimmer zur Verfügung. Die Zahl der Mitglieder stieg von 18 (1776) auf 76 (1795), welche meist aus einfachen bürgerlichen Verhältnissen stammten. Zu den Versammlungen kamen aber auch der Kammerrat Wagner, der Hofrat Demiani und die Baronin von Fletcher. Selbst der hohe Adel nahm an der Brüdergemeine lebhaften Anteil, so die gräflichen Familien Einsiedel und Hohenthal. Auch einige Geistliche waren ihr freundschaftlich verbunden, so der Prediger der böhmischen Gemeinde, Petermann[24] und der Kandidat Slezak aus Ungarn, der an der böhmischen Schule unterrichtete.

Nach dem Bombardement Dresdens 1760 zogen die meisten Glieder der Gemeinde nach Herrnhut, Berthelsdorf und anderen Orten und allmählich erst fand sich die Brüdergemeinde wieder zusammen. In ihr sammelten sich die stillen, redlichen Seelen. Mancherlei innere, wie äußere Kämpfe waren zu bestehen, zur Rechten und Linken hatten sie Gegner. Für die einen waren sie die Frommen, die Pietisten; die Andern streng Confessionellen hatten ihre Bedenken gegen manche Abweichungen von der Kirchenlehre und äußerten dies zuweilen in allzu schroffer, liebloser Weise.[25]

[Bearbeiten] Liturgische Besonderheit: das Trishagion

Die Liturgie in Dresden hat sich nicht erhalten, sie richtete sich aber natürlich nach der in Herrnhut.

Dort sind Eigenheiten zu finden:

Die VIste Woche. 1765.
I.
Am Sonntage Septuages. d. 3tn Febr. wurde früh statt der Kirchen-Litaney das Trisagion gesungen.
Die XXXVIste Woche. 1765.
I.
Am 13tn Sonntag post Trinit. d. 1tn Septbr. wurde früh das Trisagion gesungen.
"Das Trisagion oder Trishagion (griechisch Τρισάγιον, von τρίς „dreimal“ und ἅγιον „heilig“; kirchenslawisch Трисвятое) ist einer der ältesten christlichen Hymnen, der auch heute noch einen festen Bestandteil der ostkirchlichen Liturgie sowohl der orthodoxen Kirche als auch der katholischen Ostkirchen und altorientalischen Kirchen bildet."

[Bearbeiten] Die Christenthums-Gesellschaft Dresden (gegründet 1784)

Eine Zweigniederlassung (auch Sektion) Dresden der am 30. August 1780 in Basel gegründeten Deutschen Christentumsgesellschaft[26] entstand im Jahr 1784[27] , zunächst noch als Sektion der Deutschen Gesellschaft zur Beförderung reiner Lehre und wahrer Gottseligkeit (1785 umbenannt in Deutsche Christengesellschaft). Die Dresdner Sektion war durch die Schriften des charismatischen Predigers Johann August Urlsperger (1728-1806) inspiriert worden. An ihren Versammlungen nahmen vor allem Mitglieder der missionarisch inspirierten Dresdner Brüdergemeine, der Gemeinde böhmischer Exulanten in Dresden an der Johanniskirche, des Wendenkreises sowie Engländer in Dresden teil.

[Bearbeiten] Wilhelm von Kügelgen über die Brüdergemeine (um 1810 bis 1820)

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes, hrsg. von Philipp von Nathusius im Verlag Wilhelm Hertz[28] (Bessersche Buchhandlung[29]), Berlin 1870 (Erstauflage), S. 120, S. 121, S. 122, S. 123, S. 124.


Christliche Influenzen

S. 120 Die durch Geist und Herz, wie durch jeden persönlichen Werth gleich ausgezeichneten Brüder Joseph und Carl von Zezschwitz, beide im höheren Staatsdienst und etwa um jene Zeit durch Amt und Beruf nach Dresden geführt, hatten sich meinen Eltern schnell befreundet. Sie sowohl, als ihre liebenswürdigen Frauen, gehörten nach Geburt und Neigung der Brüdergemeinde an, welche damals vorzugsweise eine Trägerin reiner und gesunder Gotteserkenntnis war, und nach dieser Richtung hin erschlossen sie jetzt auch unserem Hause ganz neue Kreise von Ideen und Menschen. Durch sie wurden die Eltern mit einer Klasse von Personen bekannt, welche die Welt zu allen Zeiten mit den unliebsamsten Bezeichnungen, als Heuchler, Frömmler u.s.w. zu brandmarken und zu kreuzigen pflegt, und namentlich war meine Mutter aufs freudigste überrascht, gerade unter solchen die trefflichsten Menschen zu finden, einem Geschlechte angehörig, nach welchem sie bis dahin in unbestimmter Herzensahnung vergeblich ausgesehen hatte.

Die hervorragendste Erscheinung unter diesen neu gewonnenen Freunden und Bekannten war eine hochgestellte Dame, eine Burggräfin zu Dohna, geborene Gräfin zu Stollberg-Wernigerode, in welcher meine Mutter die Realisirung ihres höchsten Ideals von weiblicher Anmuth und Würde zu erkennen glaubte, und die sie daher bald und zumeist vor allen Frauen ihrer Bekanntschaft liebte und verehrte. Wir Kinder blickten zu ihr auf wie zu einem höheren Wesen, und mein Vater wünschte sie katholisch, damit der Papst sie canonisiren könne.

Auf dem schönen Gute Hermsdorf, zwischen Dresden und Königsbrück, lebte die Gräfin in häuslicher Stille und Zurückgezogenheit mit ihrem gleichgesinnten, streng kirchlichen Gemahl, mit welchem sie nur selten in die Stadt kam, dann aber immer bei uns vorsprach. Sie war eine Frau in ihren besten Jahren, von einnehmendstem Aeußeren, mit weichen, dunkeln Augen, etwas bräunlichem Teint und einem Gesichtsausdruck so still und würdig, wie etwa Perugino ihn seinen heiligen Frauen zu geben [121] wußte. Auf ihrer ganzen Erscheinung lag eine Weihe, die mehr oder weniger alle berührte, die sich ihr nahten, und wer von ihr ging, nahm sicherlich auch einen Segen mit.

Nicht, daß diese teuere Gräfin gepredigt hätte wie ihre berühmte Zeitgenossin, die Frau von Krüdener, aber die wunderbare Hoheit ihres durchaus demütigen Wesens, die herzliche Teilnahme im Ausdruck ihres schönen Auges, die Treuherzigkeit im Ton der Stimme und am rechten Fleck ein gutes Wort der Aufmunterung, des Trostes, der Anerkennung oder Bitte, sowie auch eine stets sich gleich bleibende Heiterkeit des Geistes, das waren ebenso unabsichtliche als starke Zeugnisse von der Kraft und Herrlichkeit des Glaubens, der in ihr lebte und Gestalt gewonnen hatte. Die Leiden und selbst die Sünden anderer, auch die an ihr begangenen, fühlte sie als ihre eigenen. Sie hatte daher Entschuldigung für alles und herzliches Erbarmen für jeden Irrenden, insonderheit auch für die Feinde des Namens Jesu, deren Feindschaft sie doch auch selbst nicht selten traf.

Denn so hoch die Gräfin von denen verehrt ward, die das Glück hatten, ihr persönlich nahen zu dürfen, so traf dennoch auch sie die Schmach Christi von Seiten so mancher, die sie nicht kannten, und die Verleumdung ward nicht müde, recht bösartige Gerüchte über sie in Umlauf zu setzen. Sie war aber darüber weder verwundert noch erbittert, da es ja ihrem heiligen Herrn und Meister nicht anders ergangen, und ihr, als seiner Jüngerin, nichts besseres verheißen war. Dergleichen Persönlichkeiten aber predigen durch ihr bloßes Dasein eindringlicher und besser als alle Eloquenz der Kanzeln; doch wußte die Gräfin auch zu reden, wo sich's paßte, und Rechenschaft zu geben von ihrem Glauben. Zu ihren Freunden sprach sie gern von dem, was ihr das Herz erfüllte, und meiner Mutter öffnete sie den Blick in eine selige Welt trostreichen Erkennens.

Es ist mancherlei geredet und gestritten worden über den Begriff und Werth der Tradition in christlicher Kirche. Man hat einerseits eine Kette von Menschensatzungen als Zeugnisse des heiligen Geistes dem Worte Gottes gleichgestellt, andererseits [122] ebenso irrtümlich angenommen, daß die Heilige Schrift an sich schon genügsam zu ihrem Verständnisse ausreiche, für solche wenigstens, die den guten Willen zu verstehen hätten. Doch habe ich mehrfältig erfahren, wie der Sinn des geschriebenen Wortes selbst dem reinsten Willen verborgen bleiben konnte, bis das lebendige Zeugnis der gläubigen Gemeinde dem Verständnisse zu Hilfe kam.

Dieses persönliche Zeugnis lebendiger Menschen von ihrem Erkennen, Glauben, Lieben und Hoffen möchte ich mir erlauben, die rechte, zum Verständnisse der Schrift unerläßliche Tradition zu nennen. Sie ist nicht bei dieser oder jener Konfession, wenigstens nicht zu allen Zeiten und nicht immer in gleicher Reinheit: sie ist bei der ganzen gläubigen Christenheit aller Konfessionen, mit anderen Worten, bei der allgemeinen christlichen Kirche. Sie ist das Licht und das Zeugnis des heiligen Geistes, der bei der Gemeinde bleiben und durch sie zeugen wird bis an das Ende aller Tage.

Meine Mutter war eine jener glücklichen Naturen, die eine natürliche Affinität zum Worte Gottes haben. Von ihrer Kindheit an hatte sie sich mit wunderbarer Liebe zu der heiligen Person des Kinderfreundes Jesu hingezogen gefühlt, dessen Vorbild und Geboten sie nachzuleben strebte, so gut sie konnte. Obschon sie im väterlichen Hause unter Einflüssen hatte leben müssen, die ihrem Verlangen nach geistlichem Wachsthum die Nahrung möglichst entzogen, hatte sie dennoch die vereinzelten Strahlen christlicher Wahrheit, die an sie herandrangen, immer ohne Widerstreben in sich aufgenommen. Sie glich einer harmonischen Saite, die mitklingt, wenn verwandte Töne angeschlagen werden, hatte ein sehendes Auge und hörendes Ohr und lernte in der Regel, wo sie gute Lehre fand.

Demungeachtet aber, und obgleich meine liebe Mutter die Quelle in der Hand hielt und die Bibel fleißig las, besonders seit ihr diese durch manches, was sie von Herder gelesen, lieb und werth geworden, hatte sie doch bis dahin gerade die beseligendsten Aussprüche derselben kaum bemerkt, und erst jetzt im persön- [123] lichen Verkehr mit gereifteren Christen, und durch diese hingewiesen auf eine specifisch christliche Literatur, begann ihr allgemach die Decke von den Augen zu fallen. Sie wurde angesteckt durch das Contagium einer ewigen Heilung und trat ein in die Vorhallen des auf Golgatha erbauten Heiligthums, da Jesus Christus selbst das Hochamt hält.

Wesentlich aus der Hand jener unvergeßlichen Gräfin nahm meine Mutter den Schlüssel zu dem offenkundigen Geheimniß der Erlösung, und nun erst fing sie an, die Heilige Schrift auch zu verstehen, sie als Wort Gottes zu begreifen und zu glauben. Nicht, daß sie damals gleich von vornherein zu einer fertig abgeschlossenen theologischen Ansicht gelangt wäre, zu der sie es überhaupt nie brachte; es waren eben nur Anfänge christlichen Anschauens und Erkennens, das seiner Natur nach niemals abschließt.

In wiefern nun meine liebe Mutter bei solcher Bereicherung ihres inneren Lebens einer Selbsttäuschung erlegen oder nicht, darüber mochten die Ansichten ihrer älteren Freunde auseinander gehen. Ich kenne es aber nicht anders, und zwar nach einer langen Reihe von Erfahrungen, als daß alle diejenigen, denen es durch Gottes Gnade gelang, den Christenglauben zu ergreifen, eine köstliche Perle gefunden zu haben meinten, in deren Besitz sie sich beseligt und versöhnt mit Gott und Menschen fühlten. Umgekehrt aber habe ich es auch stets erfahren, daß Gläubige, die in ihrem Glaubensleben gestört wurden, dies immer auch in ihrem Seelenfrieden waren. Was meine Mutter anbelangt, so bekannte sie selbst von sich, nicht etwa, daß sie besser und vollkommener geworden, sondern daß sie in ein Element gerathen, in welchem es ihr wohl war, und da sie volles Genügen fand. War das Täuschung, so möchte ich allen Menschen solche Täuschung wünschen.

Die stillen Sonntag=Morgen, die wir Kinder bei der Mutter zu verbringen pflegten, wurden jetzt immer segensreicher für uns. Wir saßen dann um den runden Tisch, wir Brüder zeichnend, die Schwester mühsam Strümpfe strickend für ihre Puppe, [124] während die Mutter uns irgend etwas Erbauliches vorlas, etwa aus den damals erscheinenden Krummacher'schen Kinderschriften, dem Sonntage, dem Festbüchlein und anderen, oder auch Geschichten aus der Heiligen Schrift. Dann unterhielt sie sich mit uns über das Gelesene auf eine Weise, die wir wohl verstehen konnten, und in solchen Stunden schlang sich um die natürliche Liebe der Familie noch ein anderes, heiligeres Band, das unser aller Herzen trotz mannigfaltiger späterer Verirrung nicht nur unter einander, sondern wie ich hoffe, auch mit unsrer ewigen Heimath auf immer fest verknüpft hat.

Auch der Vater fand sich jetzt bisweilen, namentlich wenn wir auf dem Lande waren, mit irgend einer leichten Arbeit zu diesen kleinen Hausgottesdiensten ein. Er hatte keinen Widerspruch in seiner Seele und hörte freundlich zu, sich anfänglich wohl nur des ruhigen Beisammenseins mit den Seinen freuend. Da kam es auch über ihn, und allgemach ward auch er von jener wunderbaren Ansteckung ergriffen, die aus tugendhaften Leuten arme Sünder macht und das Herz zu einer Liebe entzündet, die nicht von dieser Welt ist. Doch es mögen dies aber auch nur die ersten Lockungen der Gnade, die ersten Anfänge himmlischer Berufung gewesen sein. Das entschiedene Eingreifen der geoffenbarten Wahrheit blieb einem späteren Lebensabschnitt vorbehalten.

[Bearbeiten] Anmerkungen

  1. Webseite der Gemeinde (abgerufen am 20. August 2025).
  2. Joseph Theodor Müller: Zinzendorf als Erneuerer der alten Brüderkirche. (1900). In: Erster Sammelband über Zinzendorf. Hermann Olms, Hildesheim/New York. 1975. S. 1–124, hier S. 17f.
  3. Martin Schneider: Philadelphische Brüder mit einem lutherischen Maul und mährischen Rock. In: Martin Brecht, Paul Peucker (Hrsg.): Neue Aspekte der Zinzendorf-Forschung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006. S. 11–36, hier S. 19
  4. Dietrich Meyer: Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine. 1700–2000. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-01390-8. S. 16
  5. Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869, S. 6.
  6. "Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen", Dresden 1869, S. 5f.
  7. Pastor Franz Blanckmeister: "Zinzendorf in Dresden". In: Dresdner Geschichtsblätter Band 1 (1892 bis 1896), S. 30-32 (1892).
  8. Adolf Hantzsch: "Nikolaus Ludwig von Zinzendorff". In: "Hervorragende Persönlichkeiten in Dresden und ihre Wohnungen". (= Mitteilungen des Vereins für Geschichte Dresdens. Heft 25), Lehmannsche Buchdruckerei und Verlagsbuchhandlung, Dresden 1918, S. 71-73.
  9. "Daneben wurde ein lebhafter Briefwechsel geführt. „Es lagen zu Zeiten 100, 160 Briefe da. Das Postgeld belief sich, und meist für das Reich Gottes, auf 160 Taler das Jahr und darüber." Am 20. März 1728 kamen z. B. Briefe aus Saalfeld, Rudolstadt, Köthen und Jena an. An demselben Tage wurden nach Wien und Ölsnitz und am 13. April nach Dresden, Saalfeld, Lichtenstein, Lobenstein Schreiben abgeschickt. Am 13. November 1728 „liefen etliche fünfzig Briefe aus Halle und Jena von dasigen Brüdern an herrnhutische Brüder ein. In [70] einer großen Versammlung wurde der Anfang gemacht mit Brieflesen von den jenaischen Brüdern zur großen Erweckung aller Anwesenden." Zit. n.: Otto Steinecke: Die Diaspora der Brüdergemeine in Deutschland. Ein Beitrag zu der Geschichte der evangelischen Kirche Deutschlands, Bernhard Mühlmann's Verlagsbuchhandlung, Erster Teil, Halle 1905, S. 69f.
  10. "Ende 1732 belief sich die Zahl aller Brüder und Schwestern, die sich auswärts in der Arbeit für das Reich Gottes, also im wesentlichen in der Diasporaarbeit befanden, auf zweiunddreißig. 1733 wurden 50 Personen in Sachen des Reiches Gottes aus gesandt. 1738 wurde auf der Konferenz in Berlin beschlossen, nach allen Seiten Boten abzufertigen; 35 Reisen wurden geplant und 13 Ehepaare sowie 22 Paar ledige Brüder dazu in Aussicht genommen." Zit. n.: Otto Steinecke: Die Diaspora der Brüdergemeine in Deutschland. Ein Beitrag zu der Geschichte der evangelischen Kirche Deutschlands, Bernhard Mühlmann's Verlagsbuchhandlung, Erster Teil, Halle 1905, S. 71.
  11. Gersdorff, Wolf Caspar Abraham von bei Deutsche Biographie.
  12. Adressbuch von 1738/G.
  13. Adressbuch von 1740/G.
  14. Adressbuch von 1740.
  15. Adressbuch von 1740/R.
  16. Adreßbuch von 1738/R.
  17. Sohn von Wolf Kaspar von Gersdorff (1655-1705), Enkel von Erasmus von Gersdorff (1619 bis 1660), Urenkel von Abraham von Gersdorff (1582 bis 1636) und Bruder von Albertine Dorothea Elisabeth von Gersdorff (1691-1721, verheiratet von Kreckwitz) und Johann Gottlob von Gersdorff (1698-1714); GEDBAS: Nachkommen von Abraham VON GERSDORFF.
  18. Ein weiteres Kind, Anna Dorothea von Gersdorff, wurde 1751 noch recht spät geboren und verstarb 1757 noch als Kind.
  19. Nachlaß Wolf Caspar Abraham von Gersdorf/ Archiv der Evangelischen Brüder-Unität <Herrnhut> bei Kalliope-Verbund.
  20. Brief von Johann Beckmann an Wolf Caspar Abraham von Gersdorff und Sophie Gersdorf/ Archiv der Evangelischen Brüder-Unität <Herrnhut> bei Kalliope-Verbund
  21. Sächsisches Staatsarchiv, Bestand 10025: Geheimes Konsilium, Teil 097: Schulden - 097.04 Korporationen, Städte und Private (alphabetisch nach Schuldnern bzw. anderen Beteiligten), Loc. 05587/04: Des Geheimen Kriegsrats Wolf Caspar Abrahams von Gersdorff Schuldwesen (1738 bis 1754).
  22. "Die in Herrnhuth heimgegangne verheyrathete Schwester Anna Rosiene Böhloin, verwittwete Kaulfusin geb. Ziegenbalg", In: Gemein-Nachrichten - Beylagen 1774,3 (1774) der Herrnhuter Brüdergemeine (Hrsg.) No. VII. Beylage zur 28. Woche 1774, S. 392-396.
  23. "Die in Herrnhuth heimgegangne verheyrathete Schwester Anna Rosiene Böhloin, verwittwete Kaulfusin geb. Ziegenbalg", In: Gemein-Nachrichten - Beylagen 1774,3 (1774) der Herrnhuter Brüdergemeine (Hrsg.) No. VII. Beylage zur 28. Woche 1774, S. 392-396.
  24. Der Prediger der böhmischen Gemeinde, Petermann, war zuvor Pfarrer in Vetschau und wurde von dort nach Dresden versetzt. Er hatte mit dem Archidiakon Busse aus Cottbus in der dortigen Gegend Mitte des 18. Jahrhunderts eine Erweckung hervorgerufen.
  25. "Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen", Dresden 1869, S. 6.
  26. Vgl. Ostertag, "Entstehungs=Geschichte der evangelischen Missions=Gesellschaft zu Basel", 1865.
  27. Erich Schick: "Christian Friedrich Spittler. Gründer und Hirte." (= Band 113/114 der Sammlung "Zeugen des gegenwärtigen Gottes") Brunnen-Verlag, Gießen und Basel 1956, S. 18f.
  28. 1847 Käufer der Besserschen Buchhandlung in Berlin.
  29. Bessersche Buchhandlung und „Perthes, Besser und Mauke“ Hamburg.
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