Erdmuthe Charlotte Friederike Ernst

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Erdmuthe Charlotte Friederike Ernst geb. Schlegel (* 1759 in Hannover; † 25. Mai 1826 in Dresden) war die älteste Schwester von Friedrich Schlegel und August Wilhelm Schlegel.[1]

Ihre Eltern (⚭ Schulpforta 1752) waren der Pastor Johann Adolph Schlegel (17211793) und dessen Frau Johanna (Ihna) Christiane Erdmuthe, geborene Hübsch (17351811), Tochter des Lehrer der Mathematik Johann Georg Gotthelf Hübsch (16901773) an der Fürstenschule in Pforta (Schulpforta), die Johann Adolf Schlegel ab 1741 besuchte. Das Paar hatte zehn Kinder. Vier Söhne und zwei verheiratete Töchter überlebten den Vater.

Erdmuthe Charlotte Friederike war mit dem Hofwirtschaftssekretär und späteren zweiten Hofmarschall am sächsischen Hof, Ludwig Emanuel Ernst (* 1756; † 27. Mai 1826 in Dresden), verheiratet.[2]

Ab Januar 1794 lebte ihr damals 22-jähriger Bruder Friedrich Schlegel bei ihr zu Besuch. Dieser hatte im Sommer 1793 sein Studium wegen Schulden aufgeben und freier Schriftsteller werden müssen.

Am 17. Juli 1796 kam in Pillnitz ihre Tochter Augusta, spätere Freifrau von Buttlar zur Welt. Offenbar unterhielt die Familie eine Sommerfrische in Pillnitz, wo sich im Sommer auch der sächsische Hof, der Arbeitsplatz von Ludwig Emanuel Ernst, aufhielt. Die Stadtwohnung der Familie befand sich in der damaligen Dresdner Prachtstraße, der Moritzstraße Nr. 748.[3]

Daraufhin zog Friedrich Schlegel nach Jena zu seinem Bruder, wo er die Jenaer Frühromantik mitbegründete.

Am 8. Juli 1796 waren August Wilhelm Schlegel und seine Frau Caroline Schlegel in Jena eingetroffen. Dieses Datum gilt als Beginn der Frühromantik. August Wilhelm Schlegel siedelte auf Empfehlung Friedrich Schillers nach Jena über, um an dessen neu erschienener Zeitschrift Die Horen mitzuarbeiten. Friedrich Schlegel traf noch im Juli in Jena ein, wonach er Dresden wahrscheinlich noch vor der Geburt seiner Nichte oder unmittelbar danach verlassen hatte.

Zum Freundeskreis von Charlotte Ernst gehörte auch der Dichter Novalis. Es haben sich zwei Briefe von ihr an diesen erhalten, die einen regen geistigen und literarischen Austausch zwischen beiden andeuten:

Der erste Brief entstand deswegen, weil Charlotte Novalis an zwei Abenden in Dresden verpaßt hatte. Sie schrieb:

Zuvor war es bereits zu mehreren Treffen mit Novalis gekommen. An dem letzten seiner beiden Abende in Dresden war Novalis bei Manteuffels, Am Festungsgraben[6] Vor dem Pirnaischen Tore, rechter Hand desselben, nach dem Seetore zu[7] b) rechter Hand[8] A. Nr. 14[9] direkt am Seetor. Sein Besuch galt insbesondere dem gleichaltrigen, 1773 geborenen Freiherrn Hans Carl Erdmann von Manteuffel, der 1796 zum Assessor der Landesregierung in Dresden befördert worden war.[10]. Dieser wohnte zusammen mit seinem ältesten Bruder, dem damaligen kgl.-sächs. Hof- und Justizienrat und geheimen Referendar Freiherr Ernst Friedrich Adam von Manteuffel (* 12. Oktober 1762; ⚭ 26. September 1794 mit Johanna Freiin von Wagner * 1761) bei den Sahrischen Erben, von denen der kursächsische Hofrat Benjamin Leopold Sahr im Hause wohnte. Die einträgliche Tuchhandels-Firma Sahr und Sohn des Tuchscherers Gottlieb Benjamin Sahr befand sich im Gewölbe des Hauses Altmarkt 516.[11] Novalis pflegte auch Beziehungen zum mittleren, 1765 geborenen Bruder von Georg August Ernst von Manteuffel (seit 1797 Appellationsrat[12]). Alle drei Manteuffels waren Söhne des Christoph Friedrich von Mihlendorff Freiherr von Manteuffel, Begründer der briefadeligen freiherrlich sächsisch-niederlausitzen Linie und damals seit 1798 kursächsischer Major und Kommandeur einer Halbinvaliden-Kompanie in Waldheim.

Charlotte hatte so manches gesammelt, was sie mit Novalis besprechen wollte. Sie wollte ihn u. a. bitten, mit ihm seinen in Fragmenten geschriebenen philosophischen Blüthenstaub zu lesen, der im 1. Band des Athenaeums erschienen war, des zentralen literarischen Organs der Frühromantik in Jena. Schiller hatte diesen Band am 15. Mai 1798 soeben erhalten[13]. Sie wollte, daß Novalis ihr die Deutung mancher gelehrter Worte gebe.

Außerdem bot sie ihm an, Denis Diderots "Pensées détachées sur la peinture, la sculpture, l’architecture et la poésie" zu schicken, denn in den 'Propyläen' wird ein Aufsatz darüber erscheinen. In den Propyläen, einer von Johann Wolfgang von Goethe von Ende 1798 bis Ende 1800 herausgegebenen Zeitschrift für bildende Kunst, erschien "Diderots Versuch über die Mahlerei" erst im 1799 im 2. Stück des ersten Jahrganges.[14] Offenbar war die vielseitig interessierte Charlotte in die internen Vorgänge in Jena und Weimar eingeweiht. So schrieb sie über das 1. Stück der noch nicht erschienenen Propyläen:

Der Brief endet mit einem Gruß an das Freiberger Fräulein Julie von Charpentier (* 1776), mit dem sich Novalis erst im Dezember 1798 verlobte, mit dem er aber offenbar Dresden schon mehrfach vor dem August 1798 besucht hatte.

1797 hatte Novalis das Studium der Montanwissenschaften an der Bergakademie in Freiberg begonnen, einer der zu dieser Zeit ersten Hochschuladressen für Naturwissenschaften. Demzufolge hatte er desöfteren Gelegenheit, nach Dresden zu kommen, wo es auch zu Treffen mit Friedrich Schlegels Schwester Charlotte kam.

Ab Pfingsten 1799 arbeitete Novalis wieder in der Lokalsalinendirektion Weißenfels (Saale). Beim Jenaer Frühromantikertreffen im November 1799 - dem Höhepunkt der Frühromantik - war Novalis der einzige Nicht-Jenaer, da Ludwig Tieck schon im Oktober 1799 mit seiner Frau nach Jena (Saale) gezogen und der junge Philosoph Schelling 1798 als jüngster Professor an die Universität Jena berufen worden war und seit August in der Stadt wohnte. Von Weißenfels nach Jena sind es um die 50 km Straße oder Wasserstraße (über die Saale, die damals viel befahren war).

Die vielseitig interessierte Charlotte Ernst nahm auch mindestens dreimal an den öffentlichen Vorträgen des Wendenkreises im Goldnen Fass teil. Hier war ihr entfernter Verwandter Christian Gottfried Schlegel Vize-Sekretär des Kreises und kopierte handschriftlich die "Wendischen Geschichten", wobei er am Ende das letzte Blatt Papier immer - je nach Platz unterschiedlich ausführlich - mit Zusätzen wie Autorenschaft, Schreiber und Teilnehmer beim Vortrag versah. Dabei erwähnte er auch dreimal Charlotte Ernst:

Bei allen drei Vorträgen war Bruder Christian Gottfried Schlegel Autor, Schwester Christiane Sophie Pasche Vortragende und der Sekretär des Wendenkreises Bruder Johann David Sombold Schreiber.

Charlotte Ernst hatte nur die öffentlichen Vorträge des Wendenkreises besucht, gehörte ihm aber zu dieser Zeit ausweislich der Nachrichten aus dem Wendenkreis nicht an.[19]

[Bearbeiten] Anmerkungen

  1. Ernst, Charlotte - Basisdaten bei weber-gesamtausgabe.de
  2. Ernst, Ludwig Emanuel - Basisdaten bei weber-gesamtausgabe.de
  3. Dresden zur zweckmäßigen Kenntniß seiner Häuser und deren Bewohner 1797, S. 175.
  4. "Novalis Briefwechsel mit Friedrich und August Wilhelm, Charlotte und Caroline Schlegel, Verlag Kirchheim, Mainz 1880, S. 72.
  5. "Novalis Briefwechsel mit Friedrich und August Wilhelm, Charlotte und Caroline Schlegel, Verlag Kirchheim, Mainz 1880, S. 113.
  6. Dresden zur zweckmäßigen Kenntniß seiner Häuser und deren Bewohner 1797, S. 335.
  7. Dresden zur zweckmäßigen Kenntniß seiner Häuser und deren Bewohner 1797, S. 340.
  8. Dresden zur zweckmäßigen Kenntniß seiner Häuser und deren Bewohner 1797, S. 344.
  9. S. 347.
  10. Neuer Nekrolog der Deutschen. 22. Jahrgang, 1844, Band 1, Verlag Bernh. Friedr. Voigt, Weimar 1846, S. 331–334. (Digitalisat).
  11. Dresden zur zweckmäßigen Kenntniß seiner Häuser und deren Bewohner 1797, S. 87.
  12. Flathe, Heinrich Theodor, "Manteuffel, August Freiherr von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 20 (1884), S. 257 unter Manteuffel, Georg August Ernst von [online version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116735651.html#adbcontent
  13. Brief Schillers an Goethe vom 15. Mai 1798.
  14. "Diderots Versuch über die Mahlerei". In: Propyläen, 1. Jahrgang, 2. Stück, S. 1-44.
  15. Propyläen, 1. Jahrgang, 1. Stück, S. 1-19 und 101-127.
  16. "Leben und Leiden der Aquilina". In Wendische Geschichten, (1797).
  17. "Klausner Dietbald in Dippoldiswalde". In Wendische Geschichten, (1798).
  18. "Altvater Mikota der Theologe von der Antonioskapelle". In Wendische Geschichten, (1799).
  19. Nachrichten aus dem Wendenkreis, handschriftlich 1796-1799.
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