Hubschrauber-Zwischenfall von 1958

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Titelseite des "Daytona-Beach-Morning-Journals" mit der Forderung der USA zur Rückführung von Hubschrauber und Crew am 8. Juni 1958
Sechs der neun US-Soldaten in der Villa in Dresden zur Pressekonferenz am 3. Juli 1958, Zeitungsfoto Daily Iowan
Der Präsident des DRK der DDR, Dr. Werner Ludwig teilt den amerikansichen Armeeangehörigen im Aufenthaltsraum der Dresdner Villa ihre bevorstehende Rückführung mit.
US-Major Kemper verläßt die Villa "Waldhaus" in Langebrück, Ernst-Thälmann-Strasse 22 (heute Jakob-Weinheimer-Strasse)

Beim Hubschrauber-Zwischenfall von 1958 handelte es sich um eine Verletzung des Luftraumes der DDR am 7. Juni 1958. Die zwei Piloten sowie sieben Besatzungsmitglieder, darunter der Artillerie-Stabschef der 3. US-Panzerdivision, wurden für mehrere Wochen in einer Dresdner Villa arrestiert. In der US-amerikanischen Presse wird dieser Vorfall als Helicopter incident bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Beschreibung des Vorfalls

Der Hubschrauber des Typs Sikorsky S-55 der United States Army, auch bekannt als H-19 "Chicasaw", befand sich auf einem Flug von Frankfurt am Main zum Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Dieser Flug war ein sogenannter "milk run", ein Routineflug bzw. Shuttleservice von üblicherweise etwa zwei Stunden zwischen dem Hauptquartier der 3. US-Panzerdivision und dem Übungsplatz, der als sogenanter "VFR-Flug" (englisch: visual flight rules, VFR, in deutsch: Sichtflug) durchgeführt wurde. Aufgrund eines starken Gewitters verloren die Piloten die Orientierung und konnten auch keine Funkverbindung zu den Bodenstationen mehr herstellen.

Nachdem deutlich über zwei Stunden des Fluges vorüber waren, versuchten sich auch die anderen Insassen am Bodengelände zu orientieren. Von DDR-Seite meldeten gegen 12:00 Uhr Grenzposten eine Luftraumverletzung. Der Überflug der Grenze erfolgte im Bereich Heinersgrün - Wiedersberg im Vogtland. Um die Vermutung, dass man sich bereits auf ostdeutscher Seite befand, zu hinterfragen, erfolgte eine erste Landung des US-Hubschraubers im Raum Ronneburg im damaligen Bezirk Gera, wo man einen Bauern auf dem Feld kontaktierte, der bestätigte, dass sie in der DDR waren. Da die Piloten aufgrund des Routinefluges kein Kartenmaterial mitführten und ihnen noch immer unklar war, wo sie sich genau befanden, erfolgte eine zweite Landung im Bereich der Autobahnausfahrt der heutigen A4 bei Crimmitschau, wo man einen Fahrer eines PKW nach dem kürzesten Weg in den Westen fragte. Da ein US-Offizier geheime Dokumente mit sich führte, wurden an dieser Stelle auch Codes der 3. US-Panzerdivision verbrannt. Der Pilot des Hubschraubers wies alle Insassen darauf hin, dass es bereits zu diesem Zeitpunkt unklar war, ob der Hubschrauber aufgrund seiner begrenzten Reichweite überhaupt noch das Territorium der BRD wieder erreichen konnte und damit das Risiko einer Notlandung gegeben war. Man entschloss sich trotzdem zu einem weiteren Start, um erst weiter Richtung Süden zu fliegen und sich dann anhand der heutigen A72 in südwestlicher Richtung zu orientieren. Wenig später nach dem Erreichen der Autobahn A72 Richtung Hof war der Treibstoff der Maschine aufgebraucht, so dass der Pilot bei Irfersgrün, unweit vom vogtländischen Lengenfeld im damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt notlanden musste. Bei der Notlandung wurde der Hubschrauber beschädigt. Die Insassen blieben aber unverletzt.

[Bearbeiten] Beteiligte US-Armeeangehörige

Bei den Piloten und den Passagieren des Fluges handelte es sich um acht Offiziere und einen Feldwebel, in der Reihenfolge der militärischen Rangordnung (mit Angabe des US-Dienstgrads)[1]

[Bearbeiten] Fortgang und Inhaftierung in Dresden

Zeitungsartikel in der "Chicago Tribune" vom 9. Juni 1958
Dr. Ludwig und Robert Wilson nach Abschluss der Übergabeformalitäten am Grenzübergang Töpen/Juchhöh

Nach der Landung bei Irfersgrün kontaktierte die Besatzung selbständig einen Polizisten. Bereits 13:30 Uhr traf ein Kommando des Volkspolizei-Kreisamtes (VPKA) Zwickau am Landeplatz an der Stelle ein, wo etwa 250 Meter entfernt die Eisenbahnstrecke Zwickau - Falkenstein die Autobahn A72 unterquert. Die US-Armeeangehörigen wurden wenig später von einer sowjetischen Wachmannschaft arrestiert und in eine Kaserne der sowjetischen Streitkräfte verbracht, wo sie die erste Nacht verbrachten. Gegen 16:10 Uhr traf ein Zug von Offiziersschülern der Infanterie-Offiziersschule der NVA aus Plauen am Landeplatz ein und übernahm die Bewachung des Hubschraubers. Der havarierte Hubschrauber des Typs H-19 wurde am 10. Juni, nachdem logistisch die Voraussetzungen für den Abtransport gegeben waren, in die Offiziersschule nach Plauen verbracht.

Die neun in der amerikanischen Presse auch als "Copter 9" bezeichneten Inhaftierten wurden am 8. Juni 1958 zuerst in die damalige Verwaltungsschule "Dr. Kurt Fischer" nach Frankenberg gebracht, wo sie eineinhalb Tage blieben. Danach kamen sie - unter strenger Bewachung - für über zwei Wochen im Clubhaus der Sportvereinigung "Dynamo" Karl-Marx-Stadt unter, wo sie auch nochmals verhört wurden. Am Abend des 25. Juni 1958 wurden die US-Soldaten schließlich nach Dresden in das damalige Gästehaus der NVA in Klotzsche, Zur Neuen Brücke 7, in der Nähe des Bahnhofs Klotzsche gebracht.[2][3] In der Villa wurden die US-Armeeangehörigen weiterhin unter Arrest gestellt und von einer Wachmannschaft rund um die Uhr bewacht, konnten aber dabei einen für die damalige Zeit hohen Komfort genießen. Die Villa bestand aus drei Schlafräumen, einem Ess- und einem Clubzimmer. Im großen Garten der Villa befand sich ein Volleyball-Platz. Die US-Armeeangehörigen konnten außerdem zusammen Schach und Karten spielen, bekamen ostdeutsche Zeitungen und Bücher sowie Fernsehen. Sie bekamen außerdem eine englischsprachige Bibel und es wurde Ihnen gestattet an die Familienangehörigen zu schreiben. Nahrungs- und Genussmittel wurden den Gefangenen entsprechend deren Wünschen zur Verfügung gestellt, inklusive Süßigkeiten, Zigaretten und Bier. Von ostdeutscher Seite wurden den Soldaten weiterhin Sportsachen und regelmäßig frische Unterwäsche bereit gestellt. [4]

Am Donnerstag, 3. Juli 1958, am Vortag des wichtigsten amerikanischen Feiertages, des Independence Days fand in der Villa in Dresden eine Pressekonferenz statt, woran acht ostdeutsche Journalisten und Reporter sowie ein US-amerikanischer Journalist der Nachrichtenagentur AP teilnahmen. Im Interview kamen allerdings nur Major Kemper als Sprecher, Hauptmann Athanason sowie noch kurz Oberleutnant Westbrook zu Wort. Kemper sagte, dass die neun Inhaftierten als "politische Geiseln" festgehalten wurden. Der Vertreter des DDR-Außenministeriums, Alexander Grüttner erläuterte, dass die US-Soldaten schnell frei gelassen würden, sobald die US-Regierung mit der DDR als souveränen Staat offizielle Verhandlungen über die Freilassung der Inhaftierten aufnehmen würde. Hauptmann Athanason wies dabei darauf hin, dass sie die erste Nacht mit Verhören in einer russischen Kaserne verbringen mussten, was nicht einem souveränen Staat entsprechen würde. Auf der Pressekonferenz berichtete Major Kemper, dass sie gut versorgt würden, aber er nicht verstehe, warum sie weiter festgehalten würden, da sie nicht aufgrund eines Spionagefluges, sondern unbeabsichtigt in die DDR eingeflogen waren. Kemper betonte, dass sie nicht über die im Hintergrund vor sich gehenden Verhandlungen informiert werden würden.

[Bearbeiten] Diplomatischer Hintergrund und Lösung des Vorfalls

Dr. Ludwig und der europäische Direktor des amerikanischen Roten Kreuzes, Robert Wilson bei der Unterzeichnung der Rückführungsprotokolle
Die "Copter 9" beim Passieren der Staatsgrenze der DDR
Die amerikanischen Armeeangehörigen des am 7. Juni 1958 notgelandeten Hubschraubers beim Passieren der Staatsgrenze der DDR

1958 gab es keine diplomatischen Beziehungen zwischen der DDR und den Vereinigten Staaten von Amerika. Der Vorfall erlangte politische und diplomatische Bedeutung, da die DDR-Regierung versuchte, mit den USA in offizielle Verhandlungen zu treten, zuerst über die Freilassung der neun inhaftierten US-Soldaten, womit aber letztlich eine Aufgabe der Politik der Nichtanerkennung der DDR erreicht werden sollte. Es wurde über mehrere Wochen eine Verhandlung auf höchster Ebene gefordert. Die Sowjetunion unterstütze die Position der DDR, da der Hubschrauber auch außerhalb der alliierten Luftkorridore, die zwischen Westdeutschland und Westberlin eingerichtet waren, gelandet war. Deshalb erklärte sich die UdSSR in diesem Fall für nicht zuständig und antwortete den USA, sie möge mit den Repräsentanten der souveränen DDR in Verhandlung treten.

Nachdem die USA diese Position anfangs strikt abgelehnt hatte, aber die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten von Amerika wuchs, die "Copter 9" aus Ostdeutschland heraus zu holen, entsandte die amerikanische Regierung den erst neu ins Amt eingeführten US-Verbindungsoffizier, Oberst Robert P. McQuail zu den Verhandlungen mit der DDR, die der stellvertretende Außenminister Otto Winzer führte. Die Gespräche wurden allerdings ohne Ergebnis abgebrochen.

Am 10. Juli 1958 schlug die DDR-Regierung vor, die Verhandlungen auf der Ebene der beiden Rot-Kreuz-Organisationen zu führen. In der Zwischenzeit waren die US-Armeeangehörigen in ein Gebäude des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, in die Villa "Waldhaus" in Langebrück, Ernst-Thälmann-Strasse 22 (heute Jakob-Weinheimer-Strasse) gebracht worden.

Nach schwierigen diplomatischen Verhandlungen, in denen der europäische Direktor des amerikanischen Roten Kreuzes, Robert Wilson unterschrieb, dass er „in Vertretung des von der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika bevollmächtigten Präsidenten des Amerikanischen Roten Kreuzes“ handele, kam es am 18. Juli 1958 zum diplomatischen Durchbruch. Der Vertrag mit dem damaligen Präsidenten des DRK der DDR, Werner Ludwig, worin die Freilassung der zwei Piloten und der sieben Passagiere des Hubschraubers vereinbart wurde, konnte am folgenden Tag am Grenzübergang Töpen/ Juchhöh unterzeichnet werden, wo die "Copter 9" am 19. Juli, also 43 Tage nach ihrer unfreiwilligen Landung die Staatsgrenze der DDR passierten.

Die DDR-Regierung stellten den USA für die Unterbringung, Verpflegung und den Transport der Soldaten 1.748 US-$ bzw. damals 7.334,10 DM in Rechnung, die auf das Konto des DRK der DDR bei der Deutschen Nationalbank zu zahlen waren. Dies wurde anstandslos beglichen.

[Bearbeiten] Trivia

Vor allem der Hubschrauber-Rumpf wurde am 19. Juli 1958 an die Amerikaner wieder übergeben. Allerdings wurden nach neuesten Unterlagen durch die Militärorgane und die Staatssicherheit der DDR 34 Teile und Armaturen dem Hubschrauber entnommen und am 16. August 1958 der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland zur Auswertung und Begutachtung übergeben.

Zumindest der Rotorkopf des Hubschraubers wurde später im ehemaligen Armeemuseum der DDR, dem heutigen Militärhistorischen Museum der Bundeswehr ab dem 1. März 1971 als Teil eines über Vietnam abgeschossenen Hubschraubers ausgestellt. Dabei wurde dieses Teil wissentlich falsch als ein Teil eines Hubschraubers vom Typ Sikorsky S-58 deklariert und zusammen mit einer von der damaligen "Demokratischen Republik Vietnam" übergebenen US-Pilotenuniform ausgestellt. Der Rotorkopf wurde bereits in den 1960er Jahren vom Ministerium für Staatssicherheit an das damalige Armeemuseum der NVA im Potsdamer Marmorpalais übergeben und sollte eingelagert werden, bis "Gras über die Sache gewachsen sei".[5]

[Bearbeiten] Quellen

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. U.S. must Deal Direct For Airmen in: Schenectady Gazette vom 10. Juni 1958, S.2
  2. Aussage von Frank A. Athanason, s.a. Quelle
  3. Aussage von Major Kemper im Interview am 3. Juli 1958 in: The Kansas City Times, 3. Juli 1958, S. 22
  4. Exklusivinterview des AP-Reporters vom 3. Juli 1958, in: Eveneing Recorder, Amsterdam, New York, 3. Juli 1958, S.7
  5. Oberst a.D. Dr.Manfred Lachmann in: Klassiker der Luftfahrt 3/16, S. 58

[Bearbeiten] Weblinks

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